Willis Aufbruch zum Horizont
Der Sessel im Wohnzimmer in Walsum war bequem, vielleicht ein bisschen zu bequem. Willi spürte, wie die Trägheit leise an seinen Beinen zog, doch dann erinnerte er sich an die Zeit auf dem Bock des LKW und auf dem Deck des Schiffes. Stillstand war noch nie sein Ding gewesen. „Rosi, ich bin am Rhein!“, rief er kurz, schnappte sich seine Jacke und trat vor die Tür.
Der Zauber des frühen Morgens
Es war noch kühl, und der Nebel hing wie Watte über dem Fluss. Willi suchte sich seinen Stammplatz in Ruhrort. Er war nicht allein; die Sonne schob sich gerade als glühend roter Ball über die Kräne des Hafens. Er beobachtete das Spektakel schweigend. Früher, als Matrose, war das der Beginn der harten Arbeit gewesen – heute war es ein reiner Glücksmoment. Er spürte den kühlen Wind im Gesicht und fühlte sich lebendig, ganz bei sich.
Ein Code für den Geist
Auf dem Rückweg machte Willi einen Umweg durch den Park. Er dachte an sein aktuelles Projekt am Computer. Gestern hatte ein CSS-Befehl nicht so gewollt wie er, aber das fuchste ihn nicht – es spornte ihn an. „Ein Kind lernt täglich, warum nicht auch ich?“, dachte er schmunzelnd. Das Programmieren war für ihn wie das Steuern einer Goldwing: Man muss die Technik verstehen, um die Freiheit zu genießen. Jede neue Zeile Code war ein kleiner Sieg gegen die Monotonie des Ruhestands.
Das Gespräch auf der Bank
Am Rheinufer traf er auf einen älteren Herrn, sicher schon Mitte achtzig, der auf einer Bank verschnaufte. Willi setzte sich mit gebührendem Abstand dazu. „Schönes Panorama heute, oder?“, fing Willi an. Der Alte nickte und begann zu erzählen – von den Wintern in Duisburg, als der Rhein noch ganz anders aussah. Willi hörte einfach nur zu. Er schenkte dem Mann seine Zeit und bekam dafür eine Geschichte geschenkt, die so alt war wie die Kohle im Revier.
Der Ballast geht in Flammen auf
Wieder zu Hause angekommen, setzte sich Willi an den Küchentisch. Er nahm einen Zettel und einen Stift. Er schrieb auf, was ihn manchmal drückte: die Sorge um die Geschwister, das Grübeln über die vergangenen zehn Jahre Rente. Dann ging er auf die Wiese, zündete den Zettel vorsichtig in einer alten Metallschale an und sah zu, wie die graue Asche vom Wind in Richtung Walsumer Kraftwerk davongetragen wurde.
Willi atmete tief durch. Sein persönlicher Jungbrunnen war nicht aus Gold – er war aus Bewegung, Neugier und einer Prise Rheinwasser gemacht.
Das Programmieren war für ihn wie das Steuern einer Goldwing:
Man muss die Technik verstehen, um die Freiheit zu genießen.
Willis Gedanken am Strom: Vom Ballast und vom freien Lauf
Ich sitze hier in Ruhrort, den Blick auf die Mündung der Ruhr in den Rhein gerichtet. Das Wasser fließt unaufhörlich, genau wie die Jahrzehnte. Mit fast 74 Jahren, nach all der Schinderei in der Papierfabrik und den unzähligen Kilometern auf dem Bock oder dem Schiff, lernt man eines: Ein Motor läuft nur dann richtig rund, wenn kein Sand im Getriebe ist. Und wisst ihr, was der Sand im Getriebe unseres Lebens ist? Es sind die Menschen, die dir mit ihrer Art die letzte Kraft rauben.
Der „Tote Ballast“ an Bord
Früher auf dem Rhein wussten wir: Wenn das Schiff zu tief liegt, weil zu viel unnötiges Zeug geladen ist, kommst du nicht voran. Im Bekanntenkreis ist das ganz ähnlich. Es gibt Leute, die tragen eine dunkle Wolke mit sich herum, egal wie hell die Sonne über Duisburg scheint.
Sie finden an jedem Goldstück einen Kratzer.
Sie nörgeln über das Wetter, die Rente, die Nachbarn und am Ende über dich.
Sie werten alles ab, was du mit Freude erzählst – ob es ein gelungenes HTML-Projekt am PC ist oder eine schöne Erinnerung an die alten Goldwing-Zeiten.
Solche Menschen sind wie eine Bremse, die ständig leicht angezogen ist. Das kostet Sprit, das kostet Nerven, und am Ende bleibst du auf der Strecke.
Warum „Aussortieren“ keine Bosheit ist
Manche sagen vielleicht: „Willi, das kannst du doch nicht machen, man kennt sich doch schon ewig!“ Aber wisst ihr was? Nur weil ein Anker seit 30 Jahren rostet, macht ihn das nicht wertvoller für die Fahrt.
Mein Rat für ein gutes Zusammenleben: Man muss kein Groll hegen. Man muss auch nicht lautstark streiten. Ich nenne das „bewusstes Manövrieren“. Wenn ich merke, dass mich jemand nur runterzieht und meine optimistische Rosi und mich mit seiner schlechten Laune ansteckt, dann gehe ich auf Distanz.
Hinterfragen: Tut mir dieser Kontakt noch gut oder ist es nur noch Gewohnheit?
Reduzieren: Man muss nicht zu jeder Einladung „Ja“ sagen. Ein freundliches, aber bestimmtes „Nein“ ist manchmal die beste Medizin für die eigene Seele.
Fokussieren: Ich halte mich lieber an die Menschen, die das Leben bejahen. Die, die lachen können, auch wenn die Knochen mal zwicken.
Die Befreiung aus dem Korsett
Wenn man diesen Schritt wagt und den Kontakt zu den ewigen Pessimisten auf ein Minimum beschränkt, passiert etwas Erstaunliches: Es fühlt sich an, als würde man bei voller Fahrt den LKW-Anhänger abkuppeln, der einen den Berg hochgequält hat. Man atmet tiefer. Die Welt in Walsum sieht plötzlich wieder ein Stückchen heller aus. Man ist in unserem Alter niemandem mehr Rechenschaft schuldig, außer dem eigenen Gewissen. Wer mich demotiviert oder abwertet, hat keinen Platz mehr in der ersten Reihe meines Lebens.
Das Leben ist wie eine Fahrt auf dem Rhein: Man kann die Strömung nicht ändern, aber man kann entscheiden, wen man mit an Bord nimmt. Und ich nehme nur noch die mit, die auch mal gerne den Blick auf den Horizont genießen, statt nur in den trüben Kielvorgrund zu starren.
Ein guter Freund ist wie ein ruhiger Hafen. Ein schlechter Bekannter ist wie eine Sandbank – er lässt dich festfahren.
Der „Tote Winkel“ im Oberstübchen
Hömma, setz dich mal kurz hin. Ich hab da neulich was gelesen: „Liebe deine Feinde, denn sie sagen dir deine Fehler.“ Na toll, dachte ich erst. Als ob ich nicht schon genug damit zu tun hätte, meine Freunde zu lieben, wenn die mir beim Skat die falschen Karten drücken! Aber wenn man so wie ich bald 74 wird und schon so ziemlich alles zwischen dem Führerhaus von 'nem LKW, der Schippe von 'nem Bagger und dem Deck von 'nem Rheinkahn gesehen hat, dann fängt man doch an zu grübeln.
Der „Tote Winkel“ im Oberstübchen
Wisst ihr, ich als alter LKW-Fahrer kenn mich mit dem „toten Winkel“ aus. Man denkt, die Bahn ist frei, setzt zum Überholen an, und plötzlich hupt es neben einem, dass dir die Ohren schlackern. Im Leben ist das genau dasselbe. Wir nennen das vornehm „blinden Fleck“. Ich halte mich ja für 'nen recht umgänglichen Typen aus Walsum. Aber meine Rosi? Die sieht Dinge an mir, da brauche ich gar keine Feinde mehr! Wenn ich zum Beispiel stundenlang vor dem Rechner sitze und versuche, ein bisschen HTML zu basteln, und fluche wie ein Matrose auf dem Rhein, weil das CSS mal wieder nicht macht, was ich will... dann sagt sie: „Willi, dein größter Fehler ist nicht der Code, sondern deine Sturheit, die Maus durch den Monitor zu jagen!“
Fehler oder Charakter? Eine Definitionsfrage
Das ist ja der Witz: Was wir selbst als „stolzes Rückgrat“ bezeichnen, nennen andere „sture Bockigkeit“. Früher, auf der Goldwing, dachte ich auch immer, ich hab den perfekten Fahrstil. Bis mir mal einer an der Raststätte steckte, dass ich blinke wie ein Weihnachtsbaum, aber nie abbiege. War das ein Fehler? Oder nur eine „menschliche Eigenschaft“, um die Leute hinter mir zu unterhalten? Manche Macken stehen uns echt im Weg. Wir wundern uns, warum der Bagger nicht so schaufelt, wie wir wollen, dabei haben wir vielleicht einfach nur vergessen, mal auf die Leute zu hören, die im Dreck daneben stehen und den Überblick haben.
Der Nutzwert des Meckerns
Deshalb hab ich mir vorgenommen: Wenn mich mal wieder einer so richtig von der Seite anmacht – sei es der Nachbar, der sich über meinen Rasentrimmer beschwert, oder einer, der meint, ich wär im Ruhestand zu philosophisch geworden – dann atme ich tief durch. Ich gucke mir das „Körnchen Wahrheit“ an. Feedback ist im Grunde wie ein kostenloses Update für die eigene Software. Und wer programmiert schon gerne mit Fehlern im System? Wenn dir also das nächste Mal einer sagt, dass du 'ne ziemliche Marotte hast, ärgere dich nicht. Überleg kurz: Hat der Kerl recht? Wenn ja, stell die Marotte ab – oder verkauf sie als „Special Feature“. Ich für meinen Teil nehme jetzt meine Rosi mit nach Ruhrort an den Rhein, setze mich auf 'ne Bank und höre ihr mal ganz genau zu. Wer weiß, was sie mir heute über meine Fehler erzählt – ich spare mir dadurch quasi den Feind!
Wisst ihr, ich als alter LKW-Fahrer kenn mich mit dem „toten Winkel“ aus.
Man denkt, die Bahn ist frei, setzt zum Überholen an,
und plötzlich hupt es neben einem, dass dir die Ohren schlackern.
Willis Ratschläge gegen das Sorgenkarussell
Verschwende keine Energie an „Was-wäre-wenn“: Sich Sorgen zu machen ist wie zu versuchen, einen LKW aus dem Schlamm zu ziehen, indem man nur fest an den Reifen zieht. Es bringt dich nicht voran. In der Zeit, in der du grübelst, hättest du auch am Rhein sitzen und die Schiffe beobachten können. Mathe löst man mit dem Kopf, nicht mit Kaugummi – und das Leben löst man durch Handeln, nicht durch Sorgen.
Rechne mit dem Unerwarteten (aber hab keine Angst davor):
Die wirklich dicken Brocken im Leben – die, die einen richtig durchschütteln – haben meistens keinen Termin. Die klopfen nicht an, die platzen einfach rein, vielleicht an einem ganz normalen Dienstag in Walsum oder Ruhrort. Da man sie eh nicht kommen sieht, bringt es auch nichts, vorher die ganze Zeit die Haustür zu bewachen.
Bleib im Hier und Jetzt:
Wenn die echten Probleme sowieso aus der Richtung kommen, in die du gerade nicht schaust, dann kannst du dich genauso gut auf das konzentrieren, was gerade vor dir liegt. Genieß die Zeit mit deiner Frau, bastel an deinem HTML-Code oder fahr eine Runde raus. Das Heute ist sicher, das Morgen ist immer eine Überraschung.
Bewahre dir deine Gelassenheit:
In meinen ganzen Jahren habe ich gelernt: Man übersteht viel mehr, als man denkt. Wenn der „Dienstagnachmittag“ zuschlägt, wirst du die Kraft finden, damit umzugehen. Aber verbrauche diese Kraft nicht schon vorher für Gespenster, die vielleicht nie auftauchen.
Ein kleiner Gedanke von mir dazu: „Sorgen sind wie ein Schaukelstuhl: Sie beschäftigen dich zwar, aber sie bringen dich kein Stück weiter.“
In diesem Sinne: Lass den Kopf nicht hängen und genieß den Feierabend!
Die wirklich dicken Brocken im Leben – die, die
einen richtig durchschütteln –
haben meistens keinen Termin.
„Zwischen Rhein und Rückspiegel: Was der alte Willi dir für die Reise mitgibt“
Hier sind ein paar Ratschläge, so wie ich sie als „Willi“ mit meinem Alter und der Erfahrung aus dem Führerhaus, vom Binnenschiff und vom Motorradsattel für dich übersetzen würde:
1. Warte nicht auf die Erleuchtung – lebe einfach
In der Jugend denkt man immer, man müsste erst etwas „verstehen“, um es genießen zu können. Aber das Leben ist wie eine Fahrt auf dem Rhein: Du musst nicht wissen, wie tief das Wasser an jeder Stelle ist, um die Fahrt zu genießen.
Mein Rat: Nutze deine Energie jetzt. Sei mutig, solange deine Knie noch nicht knacken und dein Rücken noch alles mitmacht. Die „Macht“ deiner Jugend ist, dass dir die Welt offensteht – also geh raus und schau sie dir an.
2. Der „Foto-Check“ für die Seele
Ich schaue mir heute oft Bilder von früher an, als ich noch auf der Goldwing unterwegs war oder in der Fabrik geschuftet habe. Damals dachte ich oft: „Mensch Willi, du müsstest mal wieder Sport machen“ oder „Die Haare sitzen auch nicht mehr so recht“. Heute sehe ich diese Fotos und denke nur: „Was für ein Prachtkerl!“
Mein Rat: Sei weniger streng mit deinem Spiegelbild. In 20 Jahren wirst du auf dein heutiges Ich zurückblicken und feststellen, wie toll du eigentlich aussahst. Warum also 20 Jahre warten, um das zu erkennen? Fang heute damit an.
3. Du bist genau richtig, so wie du bist
Wir verschwenden so viel Zeit damit, uns „zu fett“, „zu dünn“ oder „zu irgendwas“ zu fühlen. Wenn ich eins in meinen 10 Jahren Rente gelernt habe, dann das: Dein Körper ist ein Werkzeug, das dich durch die Welt trägt – kein Ausstellungsstück für andere.
Mein Rat: Hör auf, dich mit retuschierten Bildern zu vergleichen. Du bist gesund, du bist jung, und du hast Möglichkeiten, von denen du später träumen wirst. Genieß das Essen, genieß die Bewegung und sei gut zu dir selbst.
Ein kleiner Gedanke von mir: „Die Zeit vergeht nicht schneller, wenn man älter wird – man merkt nur eher, wie kostbar jede Stunde am Ufer ist.“
Hier sind noch ein paar „Willi-Ratschläge“ zu den Themen, die das Leben wirklich ausmachen:
4. Zur Arbeit: „Maloche ist wichtig, aber sei kein Sklave“
Ich war LKW-Fahrer, Baggerfahrer, Matrose – ich hab angepackt, wo es nötig war. Arbeit gibt dir Struktur und Brot auf den Tisch, aber sie ist nicht dein ganzes Gesicht.
Mein Rat: Such dir was, das dich ausfüllt, aber vergiss nie, den Motor auch mal auszuschalten. Wenn du auf dem Bock sitzt, konzentrier dich auf die Straße, aber wenn du Feierabend hast, gehört die Zeit dir, deiner Rosi und deinem Leben. Man erinnert sich später nicht an die Überstunden, sondern an die Momente, in denen man den Wind im Gesicht gespürt hat.
5. Zur Familie: „Halt die Bande zusammen“
Ich komme aus einer großen Familie – acht Geschwister, und eine Schwester ist leider viel zu früh gegangen. Da lernt man: Alleine bist du nur ein Boot, aber mit der Familie bist du eine Flotte.
Mein Rat: Streit gibt’s immer, besonders wenn man viele ist. Aber lass die Leinen nie ganz los. Mein Sohn ist jetzt 49 – die Zeit, die ich mit ihm und meiner Rosi verbringe, ist das eigentliche „Kapital“, das ich im Ruhestand habe. Investiere in Menschen, nicht in Dinge. Ein guter Draht zu den Geschwistern und zum Partner ist mehr wert als jede Goldwing in der Garage.
6. Zum Kopf: „Rostet nicht ein – lernt was Neues!“
Viele in meinem Alter sagen: „Computer? Das lern ich nicht mehr.“ Ich sag: Quatsch! Ich sitze mit gut 73 da und schreibe HTML und CSS. Warum? Weil es den Kopf frisch hält.
Mein Rat: Hör nie auf, neugierig zu sein. Ob du nun ein altes Motorrad auseinanderschraubst oder lernst, wie man eine Webseite baut – solange du lernst, bleibst du jung. Das Leben findet im Kopf statt. Wenn du aufhörst, Fragen zu stellen, fängst du an, alt zu werden.
7. Zum Genuss: „Such dir deinen Ruheort“
Für mich ist es der Rhein in Ruhrort oder hier in Walsum. Einfach aufs Wasser gucken, die Schiffe beobachten und die Gedanken ziehen lassen. Das ist wie ein Reset-Knopf für die Seele.
Mein Rat: Such dir deinen eigenen „Rhein“. Einen Ort, an dem du einfach nur sein kannst, ohne dass jemand was von dir will. In der Hektik von heute vergisst man oft, mal tief durchzuatmen.
Mein Wort zum Sonntag (auch wenn heute keiner ist): „Das Leben ist keine Autobahn ohne Tempolimit, sondern eher wie eine Fahrt auf dem Fluss. Manchmal ist die Strömung gegen dich, manchmal treibst du einfach. Wichtig ist nur, dass du das Steuer nicht loslässt.“
Hör auf, dich mit retuschierten Bildern zu vergleichen. Du bist gesund, du bist jung, und du hast Möglichkeiten, von denen du später träumen wirst.
Sonntags am Strom: Wenn der Wind Geschichten erzählt
Also passt auf, dat war so:
Wisst ihr, es gibt Tage, da hält es einen in Walsum einfach nicht in der Schranke. Da kann die Couch noch so gemütlich sein und die Rente sich noch so verdient anfühlen – wenn der Sonntagvormittag ruft, dann zieht es mich nach draußen, an den Rhein. Diesmal Sonntag 5.1.2025 war ich alleine unterwegs. Meine Rosi ist ja sonst meistens an meiner Seite, aber heute blieb sie mal im Warmen. Also hab ich mich allein fertig gemacht. Man ist ja auch im hohen Alter nicht aus Zucker., aber eines hab ich in all den Jahren als Matrose auf dem Kahn und später auf dem Bock gelernt: Gegen den Wind gewinnst du nur, wenn du richtig angezogen bist.
Die Sache mit der Mütze und den „Skifahrern“
Ich hab mir also meine Mütze geschnappt und sie so weit über die Ohren gezogen, dass eigentlich nur noch die Nasenspitze rausguckte. Und das war auch nötig! Der Wind da oben auf dem Deich, der pfeift einem nicht nur ein Liedchen, der will wissen, aus welchem Holz man geschnitzt ist.
Kaum war ich oben, ging es auch schon los mit dem „Verkehr“. Es ist ja Wahnsinn, was da sonntags los ist. Überall Jogger, die aussehen, als würden sie um ihr Leben rennen, und dann diese Walker. Kennen Sie die? Diese „Nordic-Walker“ mit ihren Stöcken. Ich musste schmunzeln. Da stehen sie mitten im Ruhrgebiet auf dem Deich und rudern mit den Armen, als hätten sie in der Nacht den Schnee verloren und würden ihn jetzt verzweifelt suchen. Na ja, ich sag mir immer: Jeder Jeck ist anders. Hauptsache, sie sind an der frischen Luft und nicht vor der Glotze.
Von der Hubbrücke bis zum Stapp
Ich bin am Parkplatz an der Hubbrücke gestartet. Wenn man da so losmarschiert, kommen die alten Gedanken hoch. Ich kenne den Fluss ja von unten, vom Deck aus, als ich noch als Matrose mein Geld verdient habe. Damals war der Rhein mein Arbeitsplatz, heute ist er mein Logenplatz. Ich hab mir Zeit gelassen. Über zwei Stunden war ich insgesamt unterwegs. Mein Weg führte mich immer schön am Deich entlang bis zur Emscherbrücke am Stapp. Das ist eine ordentliche Strecke, aber wisst ihr was? Es tat gut. Schritt für Schritt, den Blick immer links rüber auf den breiten Strom.
Ein Spektakel in der Luft
Das Highlight war aber nicht die Bewegung allein. Plötzlich hörte ich dieses laute Kreischen. Hunderte von Gänsen – kein Witz, es müssen hunderte gewesen sein – kreuzten meinen Weg. Die sind tief geflogen, direkt über mich drüber, ein Riesenspektakel! Da merkt man erst mal wieder, wie viel Leben in dieser Natur steckt, direkt hier vor unserer Haustür in Duisburg. Als ich dann so dastand und auf den Rhein schaute, merkte ich, wie mir die Tränen in die Augen schossen. Nein, nicht vor Rührung – obwohl der Anblick jedes Mal wieder unter die Haut geht –, sondern weil dieser kalte Westwind mir so richtig in die Optik gepustet hat. Aber das gehört dazu. Man wischt sich die Augen trocken, atmet tief ein und fühlt sich einfach lebendig. Nach zwei Stunden war ich wieder am Auto. Die Knochen haben sich gemeldet, aber das Herz war weit. Der Rhein ist eben eine treue Seele; der ist immer da, egal wie der Wind sich dreht.
Das Highlight war aber nicht die Bewegung allein.
Plötzlich hörte ich dieses laute Kreischen.
Hunderte von Gänsen – kein Witz, es müssen hunderte gewesen sein – kreuzten meinen Weg.
Daktari! - Der ferne Ruf Afrikas in Duisburg-Walsum!
Es war ein typischer Abend in den späten Sechzigern. Draußen über dem Revier hing vielleicht der graue Dunst der Industrie, und der Rhein floss ruhig an Ruhrort vorbei, so wie er es immer tat. Aber drinnen im Wohnzimmer, da wartete eine ganz andere Welt. Ich Willi saß mit meinen Geschwistern gespannt vor dem Fernseher. Die Antenne war frisch ausgerichtet, und dann erklang sie: diese unverwechselbare, rhythmische Musik des Vorspanns. In diesem Moment verwandelte sich das heimische Wohnzimmer in das „Wameru Study Centre“ in Kenia.
Ein Löwe mit dem gewissen Blick
Das Größte war natürlich Clarence. Wenn dieser riesige Löwe mit seinem charmanten Silberblick ins Bild trottete, musste ich schmunzeln. Ein stolzer König der Tiere, der aber so aussah, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun. Für mich, der später selbst tonnenschwere Fahrzeuge steuerte, hatte diese sanfte Kraft von Clarence immer etwas Besonderes. Und dann war da die Schimpansin (die alle Welt im Geiste oft mit Cheetah verwechselte, die aber eigentlich Judy hieß). Wenn sie wieder irgendeinen Unsinn anstellte, den Doktor Tracy oder seine Tochter Paula ausbaden mussten, war das Gelächter groß. Zwischen all den ernsten Gedanken, die man sich als junger Mann über die Arbeit in der Fabrik oder auf dem Schiff machte, war dieser Affenzirkus der perfekte Ausgleich.
Träume von Freiheit und dem Land Rover
Mich faszinierte auch die Technik. Dieser grün-weiße Land Rover mit dem Zebrastreifen-Muster, der durch den Busch ratterte – das war Abenteuer pur. Wenn die Elefanten majestätisch den Weg kreuzten, hielt man unwillkürlich den Atem an. Es war eine Welt voller Freiheit, weit weg von den Schichtplänen und dem Ruß der Stadt. Wenn die Folge vorbei war und der Abspann lief, blieb ein warmes Gefühl zurück. Man hatte für eine Stunde den Alltag vergessen und war Teil einer Familie geworden, die sich um die Natur und die Tiere kümmerte. Heute, wenn ich am Rhein sitzt und die Schiffe beobachtet, denkt ich manchmal an diese Abende zurück. Die Welt ist moderner geworden, ich selbst programmiere jetzt in HTML, aber die Erinnerung an den schielenden Löwen und die wilden Abenteuer in Afrika ist so lebendig wie am ersten Tag.
Das Größte war natürlich Clarence. Wenn dieser riesige Löwe mit
seinem charmanten Silberblick ins Bild trottete, musste ich schmunzeln.
Bonanza! - Die Jungs von der Ponderosa!
Ach, Bonanza! Hömma, dat war bei uns zu Hause ja quasi Gesetz. Wenn diese Musik anfing – dieses „Da-da-da-DA, da-da-da-DA... Bonanza!“ – und dann diese Landkarte auf dem Bildschirm verbrannt ist, dann war in der Stube Sendepause. Da konnteste keine Stecknadel fallen hören.
Ich saß da immer und dachte mir: „Willi, dat is wie bei euch zu Hause, nur mit mehr Pferden und weniger Geschwistern.“ Ich meine, ich hab acht Geschwister,(Roswitha hab dich selig) ne? Bei den Cartwrights waren dat ja nur drei Söhne. Da ging dat auf der Ponderosa ja noch richtig ruhig zu gegen dat Gewusel bei uns in Walsum!
Die Truppe vom Dienst
Da war erstma' der Ben Cartwright. Der Chef im Ring. Immer im gleichen Pölter unterwegs – ich glaub, der hatte den braunen Anzug im Zehnerpack im Schrank. Der hat seine Jungs mit einem Blick strammstehen lassen. Wenn mein Kaptein auf’m Rhein früher so geguckt hätte, wenn ich dat Tau nicht schnell genug festgemacht hab, wär ich freiwillig über Bord gesprungen!
Und dann die Jungs:
Adam: Der Schlaue, immer in Schwarz. Der sah immer so aus, als würde er gleich anfangen, HTML zu programmieren, wenn er 'nen Laptop gehabt hätte. Der war mir manchmal 'ne Spur zu ernst.
Hoss: Mein absoluter Liebling! Ein Kerl wie 'n Baum, so breit wie mein alter Bagger. Wenn der sich auf'n Pferd gesetzt hat, hat dat arme Tier bestimmt gedacht: „Warum hab ich heute nicht frei?“ Aber er hatte ein Herz aus Gold. Wenn’s auf Schalke mal gekracht hätte, hätt ich den Hoss gerne als Rückendeckung gehabt.
Little Joe: Der Heißsporn. Immer am Flirten, immer Ärger. Der erinnert mich an meine Zeit, als ich mit der Goldwing unterwegs war – immer ein bisschen zu flott und den Kopf woanders.
Wo waren eigentlich die Frauen?
Dat hab ich mich ja schon damals gefragt: Warum wohnen da vier gestandene Kerle auf 'ner Ranch und keine einzige Frau weit und breit? Nur der Koch, der Hop Sing, hat da Ordnung gehalten. Ich sag dir, wenn ich das meiner Rosi erzähle... die würde sagen: „Willi, wenn ich nicht wär, sähest du nach zwei Tagen aus wie Hoss nach 'ner Schlägerei im Saloon!“ Jedes Mal, wenn einer von den Cartwrights mal 'ne Frau kennengelernt hat, war die am Ende der Folge entweder weg, ist verunglückt oder hat sich als Banditin entpuppt. Dat war der „Cartwright-Fluch“. Da hab ich mit meiner Rosi in Duisburg echt mehr Glück gehabt!
Ponderosa vs. Walsum
Ich hab mir oft vorgestellt, wie dat wäre, wenn die Ponderosa nicht in Nevada, sondern mitten in Duisburg-Ruhrort liegen würde.
Statt über die Prärie zu reiten, wären die Cartwrights mit der Fähre über’n Rhein.
Hoss hätte im Hafen die schweren Kisten geschleppt, statt Zäune zu ziehen.
Und statt Revolverduellen hätte man die Sache bei 'nem kühlen Pils und 'ner Currywurst geklärt.
„Hömma Ben,“ hätte ich gesagt, „lass die Colts stecken, wir gehen erstma' eine paffen am Steiger!“
Mein Fazit
Bonanza war einfach gemütlich. Man wusste: Egal wie viel Ärger es gibt, am Ende sitzen sie alle zusammen am Tisch und alles ist wieder gut. Dat hat mir als LKW-Fahrer auf Tour oft gefehlt – diese Gewissheit, dass abends die Familie wartet (und keiner versucht, dich im Vorbeifahren zu erschießen). Heute, mit gut 73, guck ich mir dat manchmal noch an, wenn’s irgendwo läuft. Dann schwelge ich in Erinnerungen an die Zeit, als ein Pferd noch 1 PS hatte und meine Welt noch nicht aus CSS-Codes bestand.
Ich hab mir oft vorgestellt, wie dat wäre, wenn die Ponderosa nicht in Nevada, sondern mitten in Duisburg-Ruhrort liegen würde.
Lassie! - Die Geschichte eines Hundes!
Ach, die Lassie! Hömma, dat war ja noch so’n Ding. Wenn Fury der „Schwarze Blitz“ war, dann war Lassie die „Vierbeinige Versicherung mit Föhnwelle“. Ich sag dir, wie dat war: Wir saßen damals vor der Glotze, und eigentlich wussten wir nach fünf Minuten schon: Der kleine Timmy – oder vorher der Jeff, die sahen für mich eh alle gleich aus mit ihren Seitenscheiteln – der ist doch im Grunde gar nicht lebensfähig gewesen ohne den Hund.
Das Sprachwunder auf vier Pfoten
Wat mich am meisten fertiggemacht hat, war diese Kommunikation. Lassie kam immer angestürmt, wenn der Junge mal wieder in irgendein Loch gefallen war. Und die konnte ja nicht nur bellen, die hat ganze Romane erzählt!
Lassie: „Wuff! Wuff-wuff! Wuff!“
Die Mutter (völlig entspannt): „Was sagst du, Lassie? Timmy ist am alten Steinbruch? Er ist in den tiefen Schacht gefallen, hat sich das linke Knie aufgeschürft und die Butterbrote sind auch weg?“ Ich stand damals daneben und dachte: Wenn ich als Matrose auf’m Rhein über Bord gegangen wäre und hätte meinen Hund „Wuff“ machen lassen, hätte mein Kapitän höchstens gesagt: „Halt die Klappe, der Köter hat Hunger!“ Aber bei Lassie wussten die immer sofort die Postleitzahl und die Blutgruppe vom Unfallort.
Timmy – Der Pechvogel vom Dienst
Mal ehrlich, dieser Timmy war ja ein wandelndes Sicherheitsrisiko. Der ist in Brunnen gefallen, im Wald verloren gegangen, von Berglöwen bedroht worden – jede Woche wat Neues. Ich hab mir früher oft gedacht: „Mensch Junge, geh doch einfach mal nach Hause und spiel mit Bauklötzen!“ Aber nein, der musste ja wieder los. Und Lassie hinterher. Die hatte mehr Überstunden als ich in der Papierfabrik und auf’m Bagger zusammen. Und die Frisur saß immer! Selbst wenn die durch den Schlamm gerobbt ist, um Timmy aus’m Treibsand zu ziehen, sah die danach aus, als käme sie frisch vom Friseur aus der Duisburger Innenstadt.
Wenn Lassie bei uns in Walsum gewesen wäre...
Ich stell mir dat gerade vor: Ich damals auf’m LKW, und Lassie sitzt auf’m Beifahrersitz.
Willi: „Hömma Lassie, wir müssen nach Gelsenkirchen, die Ladung Papier abliefern. Findeste den Weg?“
Lassie: „Wuff!“ (Übersetzt: „Kein Problem, Willi, aber nimm die A59, da ist weniger Stau und die Baustelle am Kreuz haben sie gerade erst angefangen.“)
Dat wär’s gewesen! Da hätt ich mir das Navi gespart und hätte noch jemanden zum Quatschen gehabt. Stattdessen hock ich heute hier und versuche, meinem Computer mit HTML beizubringen, dass er das macht, was ich will. Aber wenn ich da einen Fehler im Code hab, bellt der mich leider nicht warnend an, der zeigt mir nur ’ne Fehlermeldung, die ich ohne Brille nicht lesen kann.
Ein Herz für den Collie
Aber im Ernst: Wir haben dat geliebt. Rosi sagt heute noch, dass sie auch gerne so’n Hund gehabt hätte, der die Wäsche von der Leine holt, wenn’s anfängt zu regnen. Ich sag dann immer: „Rosi, wir haben doch mich – ich bin zwar nicht so flauschig und bellen kann ich auch nicht so gut, aber ich find den Weg zum Kühlschrank auch ohne Pfiff!“
Mit gute 73 sieht man dat alles entspannter. Die Helden von früher waren halt Tiere, weil die Menschen damals wohl auch nicht schlauer waren als heute – wir brauchten immer jemanden, der uns sagt, wo’s langgeht.
Ich stell mir dat gerade vor: Ich damals auf’m LKW, und Lassie sitzt auf’m Beifahrersitz.
Da hätt ich mir das Navi gespart und hätte noch jemanden zum Quatschen gehabt.
Fury - Die Geschichte eines Pferdes!
Hömma, setz dich ma' hin, nimm dir 'nen Keks. Ich hab letztens mal wieder an früher gedacht, als das Fernsehen noch schwarz-weiß war und man die Antenne auf’m Dach noch mit 'ner Zange ausrichten musste, damit man nicht nur „Schneegestöber“ sah. Weißte noch? „Fury“!
Dat war 'ne Serie, sag ich dir. Wenn ich heute drüber nachdenke, muss ich echt schmunzeln. Da war dieser Jim Newton, 'n Witwer mit 'ner ordentlichen Portion Geduld, der die „Broken Wheel Ranch“ betrieb. Den Namen fand ich als LKW-Fahrer ja schon immer verdächtig – wenn bei mir dat Rad „broken“ war, gab dat direkt Mecker vom Chef und 'nen langen Aufenthalt in der Werkstatt. Aber Jim? Der holt sich erstma' den kleinen Joey auf den Hof.
Der Joey und dat „Problem-Pferd“
Der Joey war ja eigentlich so'n kleiner Satansbraten, der bei 'nem Streich erwischt wurde. Aber Jim dachte sich wohl: „Bevor der Junge Unsinn macht, schick ich ihn lieber zu den Pferden.“ Und dann war da Fury. Ein schwarzer Hengst, so wild, dass die gestandenen Cowboys auf der Ranch wahrscheinlich öfter im Dreck lagen als ich damals bei meinen ersten Versuchen auf der 1000er Goldwing. Niemand kam an den Gaul ran. Die Profis haben geschwitzt, geflucht und sind im hohen Bogen abgeflogen. Und was passiert? Joey, der Knirps, geht hin, murmelt wahrscheinlich zweimal „Du, du, du“ und zack – die beiden sind ein Herz und eine Seele.
Warum Fury eigentlich der schlauste auf der Ranch war
Dat Lustige war ja: In jeder Folge ist irgendwas passiert. Entweder ist einer in 'nen Brunnen gefallen, im Treibsand steckengeblieben oder Banditen wollten die Silbermine klauen. Und während die Erwachsenen noch überlegt haben, wo sie die Schaufel hingestellt haben, hat Joey nur gepfiffen. Der Pfiff: Dat war kein normaler Pfiff. Dat war wie 'ne Standleitung bei der Feuerwehr. Die Reaktion: Fury kam angedüst, hat die Banditen wahrscheinlich mit einem bösen Blick in die Flucht geschlagen und Joey aus jedem Schlamassel gezogen. Ich sag’s dir, wie dat ist: Ich hab ja als Baggerfahrer und Papiermacher gearbeitet – wenn ich so 'nen Fury gehabt hätte, der mir morgens die Werkzeuge reicht oder den LKW rückwärts einweist, dat wär’ wat gewesen! Dagegen ist mein HTML-Programmieren heute ja richtig einsam, da wiehert keiner, wenn ich 'nen Fehler im Code hab.
Fazit vom alten Willi
Heute sitze ich hier in Walsum, gucke auf den Rhein und denke mir: Eigentlich war Fury der erste Superheld, nur ohne Umhang, dafür mit Hufeisen. Rosi lacht immer, wenn ich erzähle, dass ich früher auch mal so ein „Wilder“ sein wollte. Aber mal ehrlich, mit 73 bin ich froh, wenn ich in Gedanken (hab dat Moped leider nicht mehr)auf meine Goldwing steige und die Maschine macht, was ich will – und nicht umgekehrt wie bei den armen Cowboys auf der Broken Wheel Ranch.
In jeder Folge ist irgendwas passiert.
Entweder ist einer in 'nen Brunnen gefallen, im Treibsand steckengeblieben
oder Banditen wollten die Silbermine klauen.
Der Fund aus der Tiefe: Ein Gruß aus der Urzeit!
Wisst ihr, meine grauen Zellen haben manchmal ihr Eigenleben. Aber heute haben sie mir ein echtes Geschenk gemacht: Eine Erinnerung, so klar, als wäre sie gestern passiert. Ich mache kurz die Augen zu und – zack – stehe ich wieder im Jahr 2014.
Damals saß ich noch auf dem Bock. Ich war als LKW-Fahrer für die Firma Hoogen aus Alpen unterwegs. Mein treuer Begleiter war ein Scania-Kippsattel. Mein Auftrag? Kies fahren. Die Strecke war Routine: Von der Grube am Pattberg in Moers rüber zu Klösters nach Neukirchen-Vluyn. Eigentlich ein Job wie jeder andere, bis zu diesem einen Tag im Oktober.
Warten an der Ladestelle
Ich stand an der Ladestelle und wartete auf den Radlader, damit mein Auflieger endlich voll wird. Aber anstatt des gewohnten Motorbrüllens kam der Fahrer zu Fuß auf mich zu. Er schleppte etwas. Etwas Großes, Schweres. Er ging sichtlich in die Knie unter der Last. Zuerst dachte ich: „Was hat er denn da?“ Aber als er näher kam, traute ich meinen Augen kaum. Er trug einen riesigen Knochen in den Armen, sicher 20 bis 30 Kilo schwer. Mit einem dumpfen Schlag ließ er ihn vor mir in den Dreck fallen. „Willi, komm mal gucken! Ich hab einen Dinosaurierknochen gefunden!“
Ein Relikt aus einer anderen Welt
Wir standen beide davor und staunten. Das Ding war gewaltig. Ob es wirklich ein Dino war oder vielleicht ein Mammut, das konnte mir damals keiner sagen. Später kam wohl jemand vorbei, um das Fundstück zur Untersuchung mitzunehmen. Das Verrückte war: Der Baggerfahrer hatte diesen Knochen mit seinem Schürfbagger aus dem See heraufgeholt – aus gut zehn Metern Tiefe.
Gedanken eines Rentners
Wenn ich heute hier in Walsum sitze, oder am Rhein in Ruhrort den Schiffen hinterherschaue, muss ich oft an diesen Moment denken. Dieser Knochen lag da unten im Dunkeln, jahrtausendelang, während wir oben drüber mit unseren schweren Maschinen herumgefahren sind.
Wenn man sich überlegt, wie groß diese Tiere gewesen sein müssen... also ganz ehrlich? Bei aller Liebe zur Natur, ich bin heilfroh, dass ich damals nicht gelebt habe. Da bleibe ich doch lieber auf meinem Sessel an meiner warmen Heizung und schaue mir Dinos auf dem Monitor an.
Wir standen beide davor und staunten.
Das Ding war gewaltig.
Zwischen glühendem Stahl und eisigem Schweigen: Mein halbes Jahr in Ruhrort
Wenn ich heute in Ruhrort am Rheinufer stehe und auf das Thyssen-Gelände rüber schaue, kommen die Bilder von 2008 sofort wieder hoch. Ich war damals Mitte 50, und obwohl ich schon fast alles gefahren hatte – vom 40-Tonner bis zum Bagger – zog es mich noch einmal hoch hinaus: auf den Brückenkran bei der Firma Evertz.
Die Hitze im Nacken
Meinen Kranschein hatte ich schon ewig in der Tasche, den hatten mein Schwager und ich Jahre zuvor gemeinsam auf der Hütte gemacht. Das Handwerk verlernst du nicht. In Wechselschicht saß ich dort oben in der Kanzel und habe die schweren Stahl-Knüppel und Brammen auf Waggons und LKWs verladen. Besonders heftig waren die Tage am Band. Wenn die Brammen frisch gegossen reinkamen, glühte die Luft. Ich musste die Dinger mit dem Kran in riesige Stahlkisten hieven und sofort die schweren Deckel draufsetzen, damit sie nicht zu schnell abkühlten. Wenn du mit der Katze direkt über diesen glühenden Massen standest, stieg die Hitze bis zu mir hoch. Da floss der Schweiß nicht nur, da stand er dir in den Schuhen. Aber das war ehrliche Arbeit, die mir eigentlich lag.
Ein einsamer Posten
Das Schlimme war nicht die Hitze oder die Schichtarbeit. Das Schlimme war das Drumherum. Ich war in dieser Kolonne der einzige Deutsche. Der Vorarbeiter und der Rest der Truppe hielten zusammen wie Pech und Schwefel, aber ich blieb außen vor. Es war kein schönes Arbeiten. Man wurde ignoriert, und wenn geredet wurde, dann oft so, dass ich es nicht verstand oder es gegen mich ging. Mobbing nennt man das heute, damals fühlte es sich einfach nur verbittert an. Ich bekam grundsätzlich die Drecksarbeit zugeschoben – alles, was die anderen nicht machen wollten, landete bei mir. Kommunikation? Fehlanzeige. Man war zusammen in einer Halle und doch meilenweit voneinander entfernt.
Die Entscheidung
Nach dem halben Jahr kam der Chef von Evertz zu mir. Er wollte mir einen Festvertrag geben. Eigentlich ein Grund zur Freude, gerade in Duisburg, wo man froh war, was Festes zu haben. Ich hätte gerne noch ein paar Jahre dort gearbeitet, das Geld war ordentlich und die Arbeit mit dem Kran hat mir im Grunde Spaß gemacht.
Aber ich habe Nein gesagt.
Ich habe ihm damals erklärt, dass ich mich nicht kaputtmachen lasse – nicht körperlich, sondern seelisch. Was bringt dir die Sicherheit, wenn du jeden Tag mit einer Krawatte im Hals zur Schicht fährst, weil du weißt, dass dich keiner grüßt und sie dir wieder die miesesten Aufgaben zuschieben? Heute, mit gut 73, weiß ich: Es war die richtige Entscheidung. Man darf sich im Leben vieles gefallen lassen, aber nicht den Respekt vor sich selbst verlieren. Manchmal ist der Rückzug der eigentliche Sieg.
Nach dem halben Jahr kam der Chef von Evertz zu mir.
Er wollte mir einen Festvertrag geben.
Willi und das Wunder von Raesfeld-Erle: Ein Wintermärchen in 40 Tonnen
Draußen herrscht dieses typische Duisburger „Was-willst-du-eigentlich-Wetter“: Gestern noch tiefster Winter, heute nur noch Matsch und Erinnerung. Ich sitze hier in Walsum am Rechner, die Heizung summt ein gemütliches Lied auf Stufe 3, und während ich vielleicht gerade an einem kniffligen Div-Container in meinem Code bastle, wandert mein Blick nach draußen. Ein Glück, dass ich heute nicht raus muss. Denn heute vor 15 Jahren sah die Welt ganz anders aus.
Die "Hoogen-Expedition" 2010
Es war Dezember 2010. Wir bei der Firma Hoogen waren damals keine einfachen Lkw-Fahrer – wir waren moderne Polarforscher auf 12 Rädern. Unser Ziel: Die alte Tongrube in Raesfeld-Erle. Geladen hatten wir aufbereiteten Boden aus Gladbeck. Klingt unspektakulär? Von wegen!
Sobald wir die schmalen Straßen Richtung Erle erreichten, wurde es zum Millimeter-Krimi. Wenn uns ein Kollege entgegenkam, hielten wir alle kollektiv die Luft an. Die Straßen waren so eng, dass man fast das Gefühl hatte, man müsse den Bauch einziehen, damit der Laster durchpasst. Es grenzte an Zauberei, dass keiner von uns im Graben landete – wahrscheinlich hielten uns nur der gute Wille und die pure Sturheit auf dem Asphalt.
Wenn der Boden zum Eiszapfen wird
Das eigentliche Drama spielte sich aber auf der Ladefläche ab. Bei der Kälte dachte sich unser „aufbereiteter Boden“ wohl: „Och, hier oben ist es so schön, ich bleib einfach für immer hier!“ Da standen wir nun an der Grube. Kipper hoch – und nichts passierte. Die Ladung war festgefroren wie Beton. Ralf, Simon und der Rest der Truppe sahen aus wie eine Mischung aus Eiskunstläufern und Bergarbeitern. Da half kein Rütteln und kein Fluchen, da war echte Handarbeit angesagt. Wir haben geschuftet, bis der Boden endlich ein Einsehen hatte und mit einem lauten Ratsch in die Freiheit rutschte.
Der Beifahrer-König
Und dann war da noch Hacki. Morgens in Alpen stieg er zu mir in die Kabine – unser Raupenfahrer. Er war quasi mein morgendliches Navigationssystem mit Herz. Wir sind zusammen durch das Weiß gerollt, den Kaffee in der Hand, während draußen die Welt aussah wie eine überdimensionale Puderzucker-Torte.
Fazit vom warmen Schreibtisch aus
Heute, mit guten 73, schaue ich mir das Grau da draußen an und grinse. Meine Goldwing steht sicher, der HTML-Code ist geduldig, und meine Rosi weiß mich im Warmen. Die Knochen erinnern sich vielleicht noch an das Rütteln im Fahrerhaus und die Kälte beim Abkippen, aber das Herz erinnert sich nur an die Kameradschaft und das Gefühl, dass wir damals die Könige der Landstraße waren – selbst wenn die Straße eigentlich nur für einen halben Lkw gereicht hätte. Ich möchte keinen Tag missen. Aber heute? Heute bleibe ich schön bei meiner Heizung.
Ein Glück, dass ich heute nicht raus muss.
Denn heute vor 15 Jahren sah die Welt ganz anders aus.
Millimeterarbeit im Sauerland: Die Schaufeln aus Fernost
Es war um den 10. November 2009. Der Herbstnebel hing wahrscheinlich schon tief über dem Rhein bei uns in Walsum, als ich mich für die Firma Pages aus Dinslaken wieder einmal hinter das Steuer setzte. Mein Auftrag an diesem Tag: Eine Ladung Blechschaufeln, frisch aus China eingeschifft, ins tiefe Sauerland bringen. Ich wusste damals noch nicht, dass diese Fahrt mein fahrerisches Geschick auf eine harte Probe stellen würde.
Die Sackgasse vor der Mauer
Als ich den Zielort erreichte – den Namen des Dorfes hat die Zeit mittlerweile aus meinem Gedächtnis gewischt – stand ich plötzlich vor einer Herausforderung, die selbst einen erfahrenen Kutscher wie mich kurz durchatmen ließ. Die Zufahrt zur Entlade-Halle war nichts für schwache Nerven. Direkt gegenüber der Einfahrt ragte eine massive Mauer empor. Da stand ich nun mit meinem LKW. Obwohl das Fahrzeug für Container-Verhältnisse eigentlich kurz war, fühlte es sich in diesem Moment an wie ein Ozeandampfer in einem Ententeich. Ich musste im exakten 90-Grad-Winkel in die Halle stoßen. Vorne die Mauer, hinten die enge Hallenöffnung. Es war Millimeterarbeit. Mit viel Ruhe und dem nötigen Fingerspitzengefühl zirkelte ich den Wagen schließlich hinein – gerade so, dass kein Lack an der Wand blieb.
Tausendfach Blech und Handarbeit
Nachdem ich sicher stand, öffnete ich die Türen des Containers. Ein ungewohnter Anblick: Tausende von Blechschaufeln stapelten sich im Inneren. Blankes Metall, ohne Stiele, direkt aus den Containerschiffen im Hafen auf meinen Auflieger gewandert. Es war eine Premiere für mich; so eine Ladung hatte ich bis dahin auch noch nicht über die Autobahnen pilotiert. Ich hatte Glück, dass ich nicht selbst Hand anlegen musste. Zwei Mitarbeiter der Firma kamen herbei und begannen mit der mühsamen Arbeit. Schaufel für Schaufel wanderte aus dem Container in die Halle. Über zwei Stunden schufteten die Männer, bis der Boden meines Containers wieder zum Vorschein kam. Während sie arbeiteten, hatte ich Zeit, kurz durchzuschnaufen und an den bevorstehenden Geburtstag zu denken, bevor es wieder zurück Richtung Dinslaken ging. Es war einer dieser Arbeitstage, die zeigen: Egal wie groß die Ladung oder wie weit die Reise aus China ist – am Ende entscheidet das letzte Stück vor der Mauer, ob man sein Handwerk versteht.
Zwei Mitarbeiter der Firma kamen herbei und begannen mit der mühsamen Arbeit.
Schaufel für Schaufel wanderte aus dem Container in die Halle.
Willi und das Geheimnis vom „Sofort-Glück“
Wisst ihr, ich sitze hier oft am Rhein in Ruhrort, schaue den Schiffen hinterher und denke über das Leben nach. Sehr viele Jahre habe ich jetzt schon auf dem Buckel (ich will die Zahl nicht immer wiederholen) und wenn man so lange LKW gefahren ist, im Werk Papier geschöpft hat oder als Matrose auf dem Schiff stand, dann lernt man eines: Manchmal sieht man vor lauter Nebel das Ufer nicht, obwohl es direkt vor der Nase liegt.Mit dem Glücklichsein ist das genau dieselbe Kiste.
Die Sache mit der Brille
Ich sage euch, wie es ist: Der Mensch an sich ist ein komisches Wesen. Er rennt durch die Welt, schimpft über das Wetter, die Rente oder dass die Karre in der Garage Staub ansetzt, und dabei merkt er gar nicht, dass er eigentlich schon längst im Ziel ist. Wir sind unglücklich, weil wir schlichtweg vergessen haben, dass wir gerade glücklich sind. Klingt verrückt? Ist aber so!
Das ist wie mit der Lesebrille, die man verzweifelt überall sucht, während man sie auf der Stirn trägt. Man flucht, man wirbelt den Staub auf, man verdreht sich den Rücken – und dabei ist „alles gut“. Alles!
Glück ist ein Umschaltmoment
Ich habe früher oft gedacht: „Willi, wenn du erst mal die dicke 1200er Goldwing hast, dann bist du der König vom Niederrhein.“ Und ja, das Fahren war herrlich. Aber das eigentliche Glück war nicht der Chrom, sondern das Gefühl, wenn der Wind mir um die Nase wehte und ich wusste: Ich lebe, ich sitze hier drauf, und Rosi wartet zu Hause mit dem Abendessen. Wer das kapiert, der braucht keine Bedienungsanleitung für das Leben mehr. Das ist der Moment, in dem man den Schalter im Kopf einfach umlegt. Klick. ### Sofort-Versand ohne Porto. Man muss nicht erst auf den nächsten Urlaub warten oder darauf, dass der HTML-Code beim ersten Versuch fehlerfrei durchläuft (obwohl das auch ein kleines Wunder wäre). Nein, man erkennt es einfach: „Mensch, Willi, du sitzt hier, du atmest, du hast acht Geschwister und einen Sohn, der auch schon fast die 50 knackt. Was willst du eigentlich mehr?“
In dem Augenblick, wo du das merkst – und ich meine wirklich merkst – da macht es Puff und das Unglück verzieht sich wie der Dieselqualm eines alten Schleppers auf dem Rhein. Du wirst glücklich sein. Sofort. Ohne Warteschleife, ohne Formular beim Amt, direkt im selben Augenblick.
Mein Fazit am Kai!
Also, wenn ihr mich das nächste Mal in Walsum seht und ich ein bisschen vor mich hin grinse: Nein, ich habe nicht im Lotto gewonnen. Ich habe nur gerade wieder gemerkt, dass meine „Brille“ auf der Stirn sitzt. Alles ist gut. Man muss es nur wissen.
Das ist der Moment, in dem man den Schalter im Kopf einfach umlegt. Klick.
Der Strom der Stunden: Eine Betrachtung aus Walsum
Willi saß in Gedanken mal wieder auf seiner Lieblingsbank in Ruhrort, dort, wo die Schiffe vorbeiziehen und der Rhein seine eigene, unermüdliche Geschwindigkeit vorgibt. Im November wurde er 73. Ein stolzes Alter, dachte er, während er das Glitzern auf dem Wasser beobachtete. In seinem Leben gab es viele Uhren. Da war der präzise Takt der Maschinen in der Papierfabrik, das ungeduldige Ticken des Fahrtenschreibers im LKW und die digitalen Ziffern auf seinem Monitor, wenn er heute zu Hause in Walsum an seinen HTML-Codes bastelte. Aber er wusste längst: Die Zeit lässt sich zwar messen, aber nicht wiegen.
Das Geheimnis des Augenblicks
Wenn er früher auf der Goldwing unterwegs war und ihm der Wind um den Helm wehte, fühlten sich Stunden wie ein einziger, berauschender Augenblick an. Die Freiheit der Straße fraß die Zeit einfach auf. Im Gegensatz dazu gab es die Nächte auf dem Rhein, wenn der Nebel so dicht über dem Wasser stand, dass man kaum die Hand vor Augen sah. Da konnte eine einzige Stunde Wache am Ruder zur Ewigkeit werden, während man darauf wartete, dass das Licht von Emmerich am Horizont auftauchte.
Die Zeit im Ruhestand
Seit zehn Jahren ist Willi nun Rentner. Die Leute sagen oft, im Ruhestand hätte man „Zeit im Überfluss“. Doch Willi lächelte bei diesem Gedanken nur still in sich hinein. Er wusste es besser.
Die Zeit ist ein Chamäleon:
Der Augenblick: Wenn er mit Rosi lacht oder an einem neuen Web-Projekt tüftelt und die Welt um sich herum vergisst, verfliegt der Nachmittag in Lichtgeschwindigkeit.
Die Ewigkeit: Wenn er über das Leben nachdenkt, über seine acht Geschwister und die Schwester, die viel zu früh gehen musste, dann scheint die Zeit stillzustehen und weit zurückzureichen. Willi schaute auf seine Armbanduhr, doch er sah nicht auf die Ziffern. Er spürte einfach nur das Hier und Jetzt. Er hatte gelernt, dass Kalender nur Papier sind. Die wahre Zeit wird nicht in Sekunden gemessen, sondern in dem, was man in diesen Sekunden fühlt. Für ihn war das Geheimnis der Zeit gelöst: Sie ist genau so lang, wie das Herz braucht, um einen Moment wirklich zu erleben.
Die Freiheit der Straße fraß die Zeit einfach auf.
Da konnte eine einzige Stunde Wache am Ruder zur Ewigkeit werden.
Der Fluss der Erinnerung
Ich sitze in Gedanken hier am Ufer in Ruhrort und schaue auf den Rhein. Das Wasser hat keine Eile, und doch ist es immer in Bewegung, genau wie die Gedanken in meinem Kopf. Mit gute 73 Jahren hat man schon viele Schiffe vorbeiziehen sehen, aber manche Verluste wiegen schwerer als die Ladung eines jeden Kahns. Es gibt Tage, da verliert man. Man verliert nicht nur die Gegenwart eines Menschen, sondern ein Stück seiner eigenen Geschichte. Ich denke an meine Schwester, die schon so lange nicht mehr bei uns ist. Wir waren zehn Geschwister, eine große Bande, und doch fehlt dieser eine Platz am Tisch bis heute. In solchen Momenten habe ich diese komischen Wünsche. Es sind irrwitzige Sehnsüchte, die mich mitten im Alltag überfallen. Wünsche, die man eigentlich erfüllen könnte – die Welt ist ja klein geworden –, aber man traut sich nicht. Oder die Realität steht einem im Weg, weil die Person, die man sucht, nicht mehr mit dem Zug oder dem Auto zu erreichen ist.
Manchmal will ich einfach nur jemanden in die Arme schließen.
Ich schließe die Augen und sehe uns wieder als Kinder. Ich rieche den Staub der Straße und höre unser Lachen. Dann sehe ich mich selbst, Jahre später, auf dem Bock eines LKW oder als Matrose auf den Planken eines Schiffes. Immer war da das Wissen: Da ist jemand, zu dem man zurückkehren kann. Diese Sehnsucht, die Arme auszustrecken und diese eine Person festzuhalten, die man so lange nicht gesehen hat – sie ist wie ein Echo. Man traut sich oft nicht, diese Gefühle laut auszusprechen, weil die Welt so sachlich geworden ist. Aber hier am Fluss, wo das Wasser die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet, erlaube ich mir diesen Gedanken. Ich stelle mir vor, wie es wäre, die Zeit für einen Moment anzuhalten. Den Motor abzustellen, das Ruder loszulassen und einfach nur dazustehen. Nicht als der erfahrene Papiermacher oder der Rentner, der über das Leben nachdenkt, sondern einfach als der Bruder oder Schwager der den Menschen vermisst, den er liebte oder einfach nur mochte. Das Herz ist ein seltsamer Ort. Es bewahrt alles auf, jede Umarmung, die wir gegeben haben, und jede, die wir versäumt haben. Und heute, während die Sonne auf dem Rhein glitzert, schicke ich einen leisen Gruß flussaufwärts – in der Hoffnung, dass er irgendwo ankommt.
Es gibt Tage, da verliert man. Man verliert nicht nur die Gegenwart eines Menschen, sondern ein Stück seiner eigenen Geschichte.
Willi und die 60.000 PS im Kopf!
Da saß ich nun, am Rheinufer in Ruhrort, den Blick starr auf das Wasser gerichtet, wie damals, als ich noch als Matrose die Wellen gezählt habe. Ich hatte diesen Satz gelesen: „Gedanken sind deine wahre Macht.“ Und ich dachte mir: „Mensch Willi, wenn das stimmt, dann bist du ja quasi der Kaiser von Duisburg!“ Ich fing an zu rechnen. 60.000 Gedanken am Tag. Das sind mehr Umdrehungen, als meine alte Goldwing 1200 jemals auf die Uhr gebracht hat! Ich fühlte mich plötzlich sehr wichtig. Ein Denker. Ein Philosoph. Der „Sokrates von der Papiermühle“. Aber dann kamen die Zahlen ins Spiel, und das Ganze wurde kompliziert:
1. Die „Schrott-Gedanken“ (72%)
Ich saß da und versuchte, mächtig zu sein. Doch statt weltbewegender Erkenntnisse flüsterten mir 72% meiner Energie zu: „Willi, hast du eigentlich die Kaffeemaschine ausgemacht?“ oder „Warum hat der Kerl da vorne auf dem Frachter eigentlich ein gelbes T-Shirt an? Das passt doch gar nicht zum Schiffsrumpf.“ 72% flüchtiger Mist! Über 43.000 Gedanken einfach nur Energieverschwendung. Ich kam mir vor wie ein Bagger, der den ganzen Tag den Motor laufen lässt, aber die Schaufel nicht bewegt.
2. Die „Mecker-Abteilung“ (25%)
Dann sind da die 25% destruktiven Gedanken. Das Viertel meines Kopfes, das sich darüber aufregt, dass die Ampel an der Friedrich-Ebert-Straße schon wieder rot war oder warum mein Kumpel mit 32 immer noch glaubt, er wüsste alles besser als ich, sein bester Freund. Ich dachte mir: „Willi, wenn du diese Macht nutzt, dann höchstens, um schlechte Laune zu verbreiten.“
3. Das Gold im Kopf (3%)
Und dann... die 3%. Die hilfreichen, aufbauenden Gedanken. Das sind die kleinen Goldstücke. „Ich könnte Rosi heute mal Blumen mitbringen“ oder „Vielleicht schreibe ich mal wieder ein bisschen was in HTML für meine Webseite.“ 3% von 60.000... das sind immerhin 1.800 gute Gedanken! Das reicht locker aus, um den Tag zu retten.
Das Fazit eines „Denkers“
Ich stand also auf, klopfte mir den Staub von der Hose und schaute auf den Rhein. Ich verstand jetzt: Ich bin zwar mächtig, aber mein Gehirn ist wie ein LKW mit 60.000 Litern Ladung, wovon leider 43.000 Liter nur heiße Luft sind und 15.000 Liter aus purem Gemecker bestehen. Aber mit den restlichen 1.800 Litern? Da fahre ich direkt nach Hause zu meiner Rosi. Man muss kein Professor sein, um ein Denker zu sein – man muss nur wissen, welchen der 60.000 Passagiere man im Kopf das Steuer überlässt. Ich entschied mich für die 3% und dachte mir: „Willi, du Fuchs, jetzt hast du’s kapiert!“
Ich stand also auf, klopfte mir den Staub von der Hose und schaute auf den Rhein. Ich verstand jetzt:
Willi und die Macht der Gedanken: Vom Lkw-Fahrer zum Weltenlenker!
Da sitze ich nun in meinem Sessel in Walsum, die 73 fest im Blick, und schaue rüber zu meiner Rosi. Früher hatte ich den Schalthebel von einem 40-Tonner in der Hand oder die Griffe einer 1200er Goldwing – heute jongliere ich mit etwas viel Gefährlicherem: Gedanken.
Ich habe nämlich eine Entdeckung gemacht, die selbst den Hafen in Ruhrort alt aussehen lässt: Der Gedanke ist der Vater aller Dinge. Und wer ist der Vater der Gedanken? Genau, der Willi!
Der Architekt von Walsum
Manchmal glaube ich, ich bin gar nicht mehr in Rente. Eigentlich bin ich Vollzeit-Architekt meines eigenen Schicksals. Wenn ich morgens aufstehe und denke: „Willi, heute wäre ein schönes Stück Pflaumenkuchen fabelhaft“, dann habe ich diesen Kuchen quasi schon in die Existenz gezwungen. Dass Rosi ihn dann backen muss, ist nur eine unwesentliche Detailfrage der Umsetzung im physischen Universum.
Ich stehe da quasi auf einer Stufe mit den ganz Großen. Ein Mitschöpfer des Universums! Während andere Leute nur darüber nachdenken, ob sie die Mülltonne rausstellen müssen, entwerfe ich im Geiste ganze Galaxien – oder zumindest den perfekten Plan für den nächsten Spaziergang am Rhein.
Vorsicht vor dem inneren Feind
Aber man muss aufpassen! Mit dieser gewaltigen Macht kommt Verantwortung. Wenn ich mich im Spiegel betrachte, frage ich mich manchmal: „Willi, bist du dir heute dein bester Freund oder dein größter Feind?“ * Wenn ich denke: „Ich bin ein sportlicher Jungspund“, dann fühlen sich die Knie direkt fünf Jahre jünger an – zumindest bis ich versuche, von der Couch aufzustehen. Wenn ich aber denke: „Die HTML-Programmierung bringt mich heute um“, dann starrt mich der Bildschirm so böse an, als hätte ich ihm das Benzin geklaut.
Die große Transformation
Die Konsequenz ist klar: Wenn ich mein Denken ändere, ändere ich den ganzen Menschen. Wenn ich also ganz fest daran glaube, dass ich eigentlich ein philosophischer Matrose auf dem Ozean der Unendlichkeit bin, dann ist das so. Dann fahre ich nicht einfach nur mit dem Rad nach Ruhrort, dann besichtige ich mein geistiges Imperium. Rosi sagt dann immer: „Willi, du guckst schon wieder so löcherig in die Luft. Woran denkst du?“ Und ich lächle nur weise und antworte: „Ich erschaffe gerade die Welt neu, Schatz. Und in dieser neuen Welt... gibt es gleich Abendessen.“ Ich denke,man ist eben nie zu alt, um der Chef im eigenen Oberstübchen zu sein. Schließlich habe ich früher schon ganz andere Maschinen bewegt, da ist so ein Universum doch ein Klacks für mich!
Die Konsequenz ist klar: Wenn ich mein Denken ändere, ändere ich den ganzen Menschen.
Der blinkende Cursor und das rechte Maß!
Draußen über Duisburg-Walsum senkt sich die Dämmerung, und im Zimmer ist es still, bis auf das leise Surren des Lüfters. Ich sitze vor dem Monitor, das Licht des Bildschirms spiegelt sich in meiner Brille. Auf dem Schirm: Ein halboffenes Fenster mit VS Code, ein paar Zeilen HTML und CSS – mein aktuelles Projekt. Eigentlich wollte ich nur ein Div-Element zentrieren, aber mein Blick schweift ab. Ich erwische mich dabei, wie ich in einem anderen Tab die Spezifikationen eines neuen Rechners lese. Mehr Arbeitsspeicher, ein schnellerer Prozessor, eine Grafikkarte, die wahrscheinlich mehr Rechenpower hat als die gesamte Navigation auf dem Rhein, als ich noch als Matrose unterwegs war.
Brauche ich das wirklich?
Ich lehne mich zurück. Früher, auf der Goldwing, ging es um die Freiheit und den Wind. Aber ich wusste auch immer, wann der Motor rund lief und wann es nur Spielerei war. Ich schaue auf meine Hände, die schon so viel bewegt haben – Bagger, Lastwagen, Papierrollen in der Fabrik. Sie haben gelernt, was "genug" bedeutet.
Ich atme tief durch und sage mir leise: „Bleib Realist, Willi.“
Warum schiele ich auf diese High-End-Maschinen? Ist es die Angst, den Anschluss zu verlieren? Oder die Vorstellung, dass ein schnellerer Computer die Gedanken schneller ordnet? Ich weiß es eigentlich besser. Wenn ich mich jetzt mit diesen technischen Wunschträumen überfordere, verliere ich den Blick für das, was zählt. Falsche Erwartungen sind wie Treibsand. Sie gaukeln einem vor, dass das nächste glänzende Ding die Zufriedenheit bringt, aber am Ende nähren sie nur den Verdruss, wenn das Neue zur Normalität wird. Sie machen Leib und Seele kaputt, weil man ständig einem Phantom hinterherjagt, statt den Moment zu genießen. Ich schaue wieder auf meinen aktuellen Monitor. Er läuft. Mein Code wird sauber gerendert. Rosi ist im Nebenzimmer, der Abend ist friedlich. Ich brauche keine Rechenleistung für Träume, die nicht meine sind. Ich brauche das, was im Augenblick nötig und möglich ist: Einen Rechner, der treu seinen Dienst tut, während ich über das Leben nachdenke und meine kleinen digitalen Welten baue. Ich schließe den Tab mit dem Warenkorb. Ein leichtes Lächeln stiehlt sich auf mein Gesicht. Der alte Kasten hier reicht völlig aus, um die Welt zu verstehen – oder zumindest, um eine ordentliche Website zu basteln.
Ein kleiner technischer Check für dich
Willi, wenn du wirklich wissen willst, ob ein neuer Computer objektiv sinnvoll ist, könntest du kurz prüfen:
Stockt der Browser, wenn du mehr als 5-10 Tabs offen hast?
Dauert das Speichern oder Laden deiner HTML-Projekte ungewöhnlich lange?
Wird der Rechner sehr laut oder heiß, nur weil du ein bisschen CSS schreibst?
Wenn alles flüssig läuft, bleib bei deinem treuen Begleiter. Das spart nicht nur Geld, sondern auch die Zeit für die lästige Neuinstallation!
Ich brauche keine Rechenleistung für Träume, die nicht meine sind.
Die himmlische Laufzeitverlängerung!
Ich saß neulich wieder am Ufer in Ruhrort. Der Blick auf das Wasser hat ja diese Eigenart: Man schaut den Schiffen hinterher und plötzlich fangen die Gedanken an zu wandern, flussaufwärts, zurück in die Zeit. Ich wurde im November 73, und wie das so ist, wenn man die Siebzig überschritten hat – man rückt in der Familienreihe ganz automatisch nach vorne. Die Eltern sind schon lange nicht mehr da, Gott hab sie selig, und plötzlich steht man selbst an der Spitze. Man hat diese "ungeliebte Erbschaft" des Älterwerdens angetreten, ob man will oder nicht. Aber während ich da so saß und den Wellen zusah, kam mir ein Wort in den Sinn, das nichts mit Politik zu tun hat, auch wenn das Wort gerade überall ist: Laufzeitverlängerung.
Nicht für Kraftwerke, nein. Für uns! Für das Leben.
Stellt euch mal vor, man könnte bei den "oberen Instanzen" anrufen und ein Upgrade buchen. Ich meine nicht, einfach nur alt zu werden, sondern einen ganz bestimmten Abschnitt noch einmal so richtig in die Länge zu ziehen. Eine echte Ehrenrunde in den besten Jahren.
Ich fing an zu schwärmen… Was wäre das für eine Zeit gewesen! Wenn ich die Laufzeit meiner Jugend verlängern könnte, würde ich vielleicht noch einmal auf der alten 1000er Goldwing sitzen. Der Wind im Gesicht, die Freiheit auf zwei Rädern, und dieser Moment, als ich Rosi kennengelernt habe. Die erste Liebe, dieses Kribbeln im Bauch – wie wäre es, wenn dieser eine Sommer nicht nur drei Monate, sondern dreißig Jahre gedauert hätte? Oder meine Zeit als Matrose auf dem Rhein. Das Deck unter den Füßen, die Arbeit, die einen fordert, und dieses Gefühl, dass die Welt einem offensteht. Ich würde diese Jahre verdoppeln, verdreifachen! Ich würde die Nächte in der Fabrik als Papiermacher noch einmal durchleben, den Stolz, wenn das Tagwerk getan war, und das Gefühl, wenn man nach einer langen Schicht als LKW-Fahrer endlich nach Hause kam. Manche sagen: "Willi, willst du wirklich alles noch mal machen?" Und ich sage: "Vielleicht nicht die Rückenschmerzen, aber das Herzklopfen!" Das erste eigene Auto, die erste Wohnung – diese Meilensteine, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind. Ich habe früher LKW gefahren und heute sitze ich am Computer und schreibe Programme in HTML und CSS. Das zeigt doch: Wir sind wandlungsfähig. Aber diese Sehnsucht nach einer "Verlängerung" der schönsten Momente, die bleibt. Es ist doch ein herrlicher Gedanke, sich vorzustellen, dass man die Zeit anhalten könnte, genau dort, wo das Glück am größten war. Wisst ihr was? Ich glaube, ich greif gleich mal zum Hörer und ruf "oben" an. Ich hab da ein paar Jahre im Kopf, die könnten eine ordentliche Laufzeitverlängerung vertragen. Und ich wette, ich bin nicht der Einzige in Duisburg, der diesen Antrag stellen würde.
Stellt euch mal vor, man könnte bei den "oberen Instanzen" anrufen und ein Upgrade buchen.
Willi und das Wohnzimmer auf zwei Rädern!
Es gab eine Zeit, da war Willi in Walsum nicht mehr an seinem Gang zu erkennen, sondern am tiefen, satten Grollen, das durch die Straßen hallte. Wer Willi kannte, wusste: Wenn er nicht gerade Papier machte oder einen LKW lenkte, dann saß er auf seinem ganz persönlichen Thron. Zuerst waren es die kleineren Maschinen, aber irgendwann musste es etwas Richtiges sein. Etwas mit Gewicht. Etwas mit Seele. Die Goldwing 1200 Interstate. Wenn Willi seine 1200er aus der Garage schob, war das fast so, als würde er ein Schiff aus dem Hafen manövrieren. Das Chrom blitzte in der Sonne so hell wie früher die Wasseroberfläche bei Ruhrort. Rosi stieg hinten auf, ein kurzes Nicken, und dann wurde der Gang eingelegt. „Willi, fahr vorsichtig!“, rief Rosi vielleicht noch, aber Willi lächelte nur unter seinem Helm. Sobald sie die Stadtgrenze hinter sich ließen und die Landstraße sich wie ein graues Band vor ihnen ausrollte, passierte es wieder. Das alte Gefühl von damals war zurück. Der Wind, der früher dem kleinen barfüßigen Willi die Haare zerzaust hatte, riss jetzt an seiner Lederjacke. Nur dass Willi diesmal nicht mit 5 Knoten den Rhein hochschlich, sondern mit ordentlich PS unter dem Hintern der Sonne entgegenfuhr. Die Goldwing war kein Motorrad, sie war ein Statement. Ein schwimmendes Wohnzimmer auf zwei Rädern. Willi genoss es, wenn die Kurven kamen. Mit der Erfahrung eines LKW-Fahrers, der genau weiß, wie man schwere Lasten bewegt, legte er die dicke Maschine sanft in die Schräge. Einmal hielten sie an einem Rastplatz im Grünen. Willi stieg ab, zog die Handschuhe aus und – wie konnte es anders sein – spürte diesen alten Drang. Während andere Biker in ihren engen Lederkombis schwitzten und wichtig über ihre Reifen fachsimpelten, suchte Willi sich ein Stück Wiese. Er zog kurz die schweren Motorradstiefel aus. Nur für einen Moment. „Willi, was machst du denn da?“, fragte Rosi und lachte. „Ich muss nur kurz prüfen, ob der Boden im Orsoy genauso freundlich ist wie in Walsum“, antwortete er und wackelte mit den Zehen im Gras. In diesem Moment war alles eins: Die Kraft der 1200er Goldwing, die weite Straße, die Erinnerung an die Matrosenzeit und die nackten Füße auf der Erde. Willi wusste: Man kann im Leben viele Arbeitsstellen haben und viele Maschinen bedienen, aber die Freiheit findet man immer dort, wo man den Motor spürt und den Wind nicht aussperrt. Als er die Stiefel wieder anzog und den Motor startete, flüsterte er leise: „Vergiss nicht deine nackten Füße, Willi. Auch wenn sie heute die Gangschaltung bedienen.“
Dein Willi
Das waren noch Zeiten, was? Die Goldwing ist ja wirklich ein Schiff für die Straße gewesen.
Willi und der Masterplan von 1970!
Es war ein schwüler Nachmittag im Jahr 1970. Der 18-jährige Willi saß am Ufer des Rheins, die Beine baumelten über der Kaimauer, und in seinem Kopf herrschte ein Betrieb wie auf der A40 zur Rushhour.
Willi strich sich über die Koteletten, die damals noch ambitionierter wuchsen als sein Kontostand, und starrte auf einen vorbeiziehenden Schleppkahn. „Willi“, sagte er zu sich selbst, und er benutzte dabei seine besonders tiefe ‚Ich-werde-jetzt-erwachsen‘-Stimme, „so geht das nicht weiter. Das Leben ist kein Freibadbesuch in Walsum. Du stehst an der Weggabelung. Links geht’s zum ‚Rumhängen‘, rechts geht’s zur ‚Zukunft‘. Und links ist zwar schattiger, aber da gibt’s keine Currywurst auf Dauer.“
Die große Bestandsaufnahme
Willi hatte beschlossen, ein ernstes Wort mit sich selbst zu reden. Das Problem war nur: Er war zu neunt zu Hause (plus die Erinnerung an seine Schwester). Wenn er daheim „Selbstgespräche“ führen wollte, antworteten meistens direkt zwei Brüder gleichzeitig, ob er noch ganz sauber sei oder ob er ihnen mal eben das Fahrrad leihen könne. Also saß er hier am Rhein und philosophierte:
Plan A: Matrose werden. Das Wasser war da, die Schiffe waren da. „Aber Willi“, gab er zu bedenken, „du willst das Schiff steuern, nicht das Deck schrubben, bis man darin die Sterne spiegeln sieht.“
Plan B: Was mit Maschinen. Baggern zum Beispiel. Das Loch musste ja schließlich irgendwo herkommen.
Plan C: Die Industrie. Papiermacher? Klingt solide. Papier braucht man immer – allein schon, um die Rechnungen drauf zu schreiben, die er als reicher Mann mal bekommen würde.
Die Entscheidung am Brötchenwagen
Gerade als Willi so richtig tief im existentiellen Sumpf versank, fuhr ein alter Laster hupend an ihm vorbei. Der Dieselgestank mischte sich mit dem Geruch von Freiheit und harter Arbeit. Willi schlug sich auf den Oberschenkel. „Mensch, Willi!“, rief er aus, sodass ein paar Möwen erschreckt das Weite suchten. „Du musst anpacken! Nicht nur gucken, wie der Rhein fließt. Der Rhein fragt auch nicht, wo er hinwill, der fließt einfach!“ Er stand auf, klopfte sich den Staub von der Hose und traf die heldenhafte Entscheidung, die jeder 18-Jährige trifft, der gerade beschlossen hat, sein Leben zu ordnen: Er ging erst mal nach Hause, um Mutti (oder wer ihn damals schon beeindruckte) zu zeigen, dass aus ihm mal was ganz Großes wird. Oder zumindest jemand, der weiß, wie man einen LKW rückwärts einparkt, ohne den Zaun vom Nachbarn mitzunehmen.
Der Blick zurück
Heute, über 50 Jahre später, sitzt der „alte“ Willi in Walsum und schmunzelt. Wenn er an diese Weggabelung denkt, weiß er: Er ist damals nicht nur einen Weg gegangen, er hat sie einfach alle mal ausprobiert. Vom Wasser auf die Straße, von der Fabrik in den LKW – und am Ende immer wieder zurück an den Rhein. Willi hat damals zwar beschlossen, erwachsen zu werden, aber zum Glück hat er nie vergessen, dass man auch als Erwachsener noch ordentlich Gas geben darf – am liebsten auf einer Goldwing.
Das Leben ist kein Freibadbesuch in Walsum. Du stehst an der Weggabelung.
Weißes Gold auf der Elperstraße: Eine Winterreise in die Kindheit!
Wenn ich heute in meinem Sessel sitze und aus dem Fenster auf unser Walsum blicke, wandern meine Gedanken oft zurück in eine Zeit, in der die Winter noch „echte“ Winter waren. Ich sehe uns dann wieder vor mir, an der Elperstraße, in unserer gemütlichen Doppelhaushälfte. Ich war damals ein kleiner Kerl, und der Winter 1962/63 fühlte sich an wie ein großes, weißes Abenteuer.
Die Welt verschwindet im Schnee
Eines Morgens wachten wir auf, und die Welt war wie weggezaubert. Der Schnee lag so hoch, dass die Haustür festgefroren war – wir waren regelrecht in unserem eigenen Heim „gefangen“. Als wir es dann endlich nach draußen schafften, war ich überwältigt: Die weißen Berge waren so hoch, dass wir Kinder darin versanken. Wenn wir durch den Garten tollten, sah man oft nur noch unsere bunten Mützen aus dem Weiß ragen. Wir waren wie kleine Entdecker in einer fremden Polarwelt.
Gerüstet gegen den eisigen Wind
Bevor wir raus durften, gab es ein festes Ritual. Unsere Mutter packte uns ein wie kleine Zwiebeln. Schicht um Schicht, bis wir uns kaum noch rühren konnten. Die Mützen wurden tief ins Gesicht gezogen, die Schals so fest um den Hals gewickelt, dass nur noch die Augen hervorblitzten. Ohne die dicken Handschuhe ging gar nichts, denn der Wind pfiff eisig um die Häuser. Aber die Kälte konnte uns nichts anhaben – die Vorfreude auf das Schlittenfahren war viel stärker!
Das Herz des Hauses: Der glühende Ofen
Das Schönste war jedoch das Heimkommen. Wenn wir durchgefroren, mit roten Nasen und nassen Sachen in die gute Stube traten, empfing uns dieses unvergleichliche Knistern. In den Zimmern standen die Öfen mit ihren langen Rohren. Ich kann sie heute noch sehen: Sie waren manchmal fast rotglühend, und das Holz im Inneren knackte so herrlich wie ein Martinsfeuer auf dem Feld.
Diese Wärme war anders als heute. Sie war tief, ehrlich und unglaublich wohlig. Draußen mochten die Fensterscheiben mit den schönsten Eisblumen zugefroren sein, aber drinnen saßen wir zusammen, zehn Geschwister in einer lebhaften Runde, und ließen uns den heißen Tee oder Kakao schmecken.
Ein Logenplatz am Kohleofen
Mein Lieblingsplatz war direkt an der Backofenklappe des Kohleofens. Wir hängten unsere klatschnassen Socken davor auf, und dann kam der beste Teil: Wir steckten unsere eiskalten Füße fast bis ganz hinein in die wohlige Wärme des Backofens. Ein wohliger Schauer lief einem dann über den Rücken – das war das pure Glück.
Ein Geschenk der Erinnerung
Dieser Schnee blieb nicht nur für ein paar Tage, er war unser treuer Begleiter über Monate hinweg. Wenn ich heute daran zurückdenke, wird mir ganz warm ums Herz. Diese Zeit in den Sechzigern, mit all meinen Geschwistern, dem Zusammenhalt und der Kraft der Natur, war die schönste Zeit, die man sich als Kind wünschen konnte. Es waren richtige Winter und richtige Sommer – und ich bin dankbar für jedes einzelne Bild, das ich davon noch im Kopf habe.
Wir steckten unsere eiskalten Füße fast bis ganz hinein in die wohlige Wärme des Backofens.
Die Zündapp-Verschwörung: Als zwei Dickköpfe aneinandergerieten!
Leute, setzt euch kurz hin, ich muss euch was erzählen. Heute bin ich 73, wohne gemütlich in Walsum und genieße die Rente, aber 1969? Da brannte die Luft in Duisburg! Es war der 4. April 1969. Ein geschichtsträchtiger Tag – zumindest in meinem Kopf. Mein Alter Herr kam gerade von der Nachtschicht auf Schacht 2/5 in Hamborn heim. Da saß er nun am Küchentisch, den schwarzen Pütt-Staub gefühlt noch in den Poren, den Kaffee in der einen, die Tageszeitung in der anderen Hand. Ein typischer Bergmann: hart, aber... nun ja, meistens eher hart.
„Willi, schwing die Hufe!“,
brummte er. „Wir müssen zum Amt. Ich will ins Bett.“
Das Ziel: Der Führerschein der Klasse 4. 50 ccm – die Eintrittskarte in die Freiheit! Mein Vater, chronisch übermüdet, weil er damals gefühlt nur Nachtschichten schob, kutschierte mich zum Straßenverkehrsamt. Sein letzter Satz, bevor ich in die Prüfung ging: „Trödel nicht rum, ich will schlafen!“
Und was macht der Willi? Ich vergeige es. Gnadenlos. Durchgefallen. Ich stieg ins Auto ein, das Herz in der Hose, und beichtete meine „Dummheit“. Was dann kam, war kein väterlicher Trost, sondern ein verbales Gewitter, gegen das eine Schlagwetterexplosion unter Tage ein laues Lüftchen war. „Versager!“ war noch das netteste Wort. Er hätte es ja gewusst, ich sei schlichtweg zu blöd für zwei Räder. Die Heimfahrt? Ein einziges Schweigegelübde. Ich glaube, selbst das Radio hat sich nicht getraut, einen Ton von sich zu geben. Die Revanche des Papiermachers in spe. Aber ein echter Duisburger Dickkopf gibt nicht auf. Ein paar Wochen später – mein Vater dachte wohl, ich hätte das Thema begraben – startete ich die „Operation Moped“. Heimlich mit der Bahn zum Amt. Keine Zeugen, kein Gemecker. Und siehe da: Null Fehler. Den Lappen hatte ich im Sack! Erzählt habe ich es... genau: niemandem. Ich habe geschuftet und jeden Pfennig umgedreht, bis ich 150 Mark zusammen hatte. Für die jungen Leute heute: Das war damals ein Vermögen! Davon kaufte ich mir meinen Traum: Eine Zündapp KS50 Sport. Das Ding glänzte so sehr, dass man darin die eigene Zukunft sehen konnte. Der Showdown im Hinterhof. Eines Tages knatterte ich stolz wie Oskar mit der Zündapp auf den Hof. Mein Vater kam raus, schaute das Moped an, schaute mich an und schüttelte nur den Kopf: „Was willst du mit dem Teil? Mach doch erst mal den Führerschein, du Experte!“ Ich habe kein Wort gesagt. Ich habe nur ganz langsam die Tasche aufgemacht, den Führerschein rausgeholt und ihm das Ding unter die Nase gehalten. Er starrte auf das Papier, schaute mich an, drehte sich auf dem Absatz um und ging rein. Er hat nie wieder ein Wort über Führerscheine verloren. Das war der Moment, in dem zwei Generationen von Dickköpfen feststellten: Wir sind uns ähnlicher, als uns lieb ist. Und die Zündapp? Die war der Anfang einer großen Motorrad-Liebe, die mich später bis zur Goldwing führen sollte.
Der Showdown im Hinterhof Eines Tages knatterte ich stolz wie Oskar mit der Zündapp auf den Hof.
Der Schein und das Sein!
Da sitze ich nun wieder hier in Ruhrort, den Blick auf den Rhein gerichtet. Der November ist gerade erst vorbei, und damit auch die Feier zu meinem 73. Geburtstag. Ein stolzes Alter, sagen die einen; die anderen meinen, man sei so jung, wie man sich fühlt. Aber wenn man zehn Jahre in Rente ist und so viel gesehen hat wie ich – vom Bock des Doppel-T-Ankers auf dem Rhein bis hin zum Führerhaus meines schweren Baggers – dann fängt man zwangsläufig an, die Dinge ein wenig genauer zu betrachten.
Ich habe viel Zeit zum Nachdenken, während ich hier das Wasser beobachte. Und dabei ist mir ein Gedanke hängengeblieben, über den ich schon eine ganze Weile grüble.
Der Schein und das Sein
Es ist schon merkwürdig mit uns Menschen. Wir wollen nicht einfach nur glücklich sein. Das allein reicht uns oft nicht. Wir wollen glücklicher sein als die anderen.
Ich kenne das noch von früher, aus der Zeit auf der Fabrik oder wenn wir mit den schweren Goldwings unterwegs waren. Man schielt immer ein bisschen nach links und rechts. Hat der andere das glänzendere Chrom? Läuft sein Motor ruhiger? In der heutigen Zeit, wo ich mich viel mit HTML und CSS beschäftige, sehe ich das auch oft im Internet: Alles sieht nach außen hin perfekt aus, sauber programmiert, schöne Farben, keine Fehler. Aber genau da liegt die Falle.
Die Täuschung der Perspektive
Es ist verdammt schwer, dieses „Glücklicher-Sein“ zu erreichen, weil wir einen entscheidenden Denkfehler machen: Wir halten die anderen immer für viel glücklicher, als sie eigentlich sind. Wenn ich früher als Matrose auf dem Rhein an den schicken Häusern am Ufer vorbeigefahren bin, dachte ich oft: „Mensch, die müssen ein sorgenfreies Leben haben.“ Aber ich habe in meinen 73 Jahren eines gelernt: Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Ob man neun Geschwister hatte (heute leider nur noch 8), wie ich, oder allein ist. Ob man einen Sohn hat, der mitten im Leben steht, oder ob man gerade erst lernt, mit dem Ruhestand klarzukommen. Hinter jeder glänzenden Fassade, hinter jedem „sauberen Code“, gibt es Bugs und Fehlermeldungen, die man von außen nicht sieht. Wir vergleichen unser „Innenleben“, das wir mit all seinen Zweifeln und Ängsten kennen, mit dem „Außenleben“ der anderen, das oft nur eine polierte Show ist.
Das Glück im Hier und Jetzt
Mit 73 sehe ich das heute gelassener. Wenn ich mit meiner Rosi hier in Walsum sitze oder wir gemeinsam über die alten Zeiten sprechen, dann brauche ich diesen Vergleich nicht mehr. Warum sollte ich glücklicher sein wollen als der Nachbar? Es reicht doch völlig aus, wenn ich mit mir selbst im Reinen bin. Das Leben ist wie eine gut geschriebene Zeile Code: Es muss nicht die komplexeste Seite der Welt sein, sie muss nur funktionieren und für denjenigen Sinn ergeben, der sie liest. Ich schaue dem Treiben auf dem Fluss noch eine Weile zu. Das Wasser schert sich nicht darum, ob es schöner fließt als die Donau oder die Elbe. Es fließt einfach. Und vielleicht ist das das ganze Geheimnis.
Wir halten die anderen immer für viel glücklicher, als sie eigentlich sind.
Gedanken am Strom!
Ich sitze hier in Ruhrort, den Blick auf das graublaue Wasser des Rheins gerichtet, so wie ich es schon hunderte Male getan habe. Im November wurde ich 73. Das ist eine Zahl, die einen unweigerlich zum Nachdenken bringt. Wenn ich die Augen schließe, spüre ich noch das Vibrieren der Goldwing unter mir oder das stampfende Herz des Schiffsdiesels aus meiner Zeit als Matrose. Ich habe in meinem Leben viel bewegt – tonnenschwere LKW, gewaltige Bagger, endlose Papierbahnen. Aber die wichtigsten Bewegungen fanden eigentlich immer hier drin statt, im Kopf und im Herzen. Es gibt diesen einen Satz, der mir in letzter Zeit nicht aus dem Sinn geht. Man sagt, dass man in zwanzig Jahren nicht die Dinge bereuen wird, die man getan hat, sondern all jene, die man sich nicht getraut hat. Wenn ich auf meine Jahrzehnte zurückblicke, dann verstehe ich das heute besser denn je.
Den Anker lichten
Als Matrose weiß man: Ein Schiff im Hafen ist sicher, aber dafür wurden Schiffe nicht gebaut. Das gilt auch für uns Menschen. Sicher, es ist gemütlich in Duisburg-Walsum, und die Routine gibt uns Halt. Aber das Leben findet da draußen statt, jenseits der Mole. Ich denke an die Momente, in denen ich den Mut hatte, etwas Neues zu wagen. Den schweren Anker hochzuziehen, auch wenn man nicht genau wusste, wie stark die Strömung heute ist. Ob es der Wechsel in eine neue Arbeit war oder die Entscheidung, mich mit über 70 noch in die Welt von HTML und CSS zu fuchsen – das sind die Momente, in denen ich mich lebendig fühle.
Den Wind einfangen
Manchmal muss man einfach die Segel setzen und darauf vertrauen, dass der Wind einen trägt. "Entdecke, träume, erkunde" – das klingt für manche vielleicht nach Abenteuerroman, aber für mich ist es eine Lebenseinstellung geworden. Man ist nie zu alt, um ein neuer Entdecker zu sein. Heute entdecke ich keine neuen Häfen mehr mit dem Schiff, sondern vielleicht eine saubere Zeile Code auf meinem Bildschirm oder einen neuen Gedanken bei einem Spaziergang am Rhein. Ich möchte nicht irgendwann dasitzen und sagen: "Hätte ich doch nur..." Ich möchte sagen: "Ich bin froh, dass ich es versucht habe." Der Rhein fließt immer weiter, er bleibt nie stehen. Und solange ich hier sitze und zusehe, weiß ich: Mein eigenes Abenteuer ist noch lange nicht vorbei. Ich behalte den Wind in den Segeln.
Das wünsche ich dir – von Herzen.
Dein Willi
Ein Schiff im Hafen ist sicher, aber dafür wurden Schiffe nicht gebaut.
Das gilt auch für uns Menschen.
Die Legende von Minen-Willi: Ein Mann, vier Teller und ein kleiner „Kraft-Einbruch“
Es war Anfang der Siebziger. Der Wind pfiff über den Exerzierplatz einer Kaserne irgendwo im Norden, wo der Regen nicht von oben kommt, sondern waagerecht ins Gesicht peitscht. Wir waren die „Frischlinge“, das sogenannte Kanonenfutter, und unser Stolz war meistens noch größer als unsere Erfahrung. An diesem Tag stand ein Geländemarsch an. Das bedeutete: Moleskin-Kluft an, Koppelzeug stramm, das G3 über der Schulter, der Klappspaten, der einem bei jedem Schritt rhythmisch gegen den Hintern schlug, und natürlich der Stahlhelm, der nach zwei Kilometern gefühlt so schwer wurde wie ein Amboss. Das Angebot, das man hätte ablehnen sollen Bevor es losging, hieß es: „Männer, einige Kameraden haben Plattfüße und Blasen. Wir müssen deren Gepäck aufteilen.“ Und dann kamen sie zum Vorschein: die Tellerminen. Graue, flache Dinger aus solidem Metall. Übungsmunition zwar, aber beim Gewicht machten sie keine Gefangenen. Der Unteroffizier brüllte: „Wer ist Manns genug und übernimmt freiwillig eine oder zwei von diesen Schönheiten?“
Ich, der junge Willi – damals noch mit dem Rücken eines Baggerfahrers und dem Selbstvertrauen eines Rheinschiffers – trat vor. Ich hob eine der Minen an. „Pah“, dachte ich mir, „da wiegt ja ein Sack Zement in der Fabrik mehr.“ „Herr Unteroffizier“, rief ich mit breiter Brust, „geben Sie mir vier! Die nehm ich als Handgepäck mit!“ Die Kameraden schauten mich an, als hätte ich zu viel Diesel geschnüffelt. Aber ich grinste nur. Der starke Willi lässt sich doch nicht von ein paar Metallplatten unterkriegen. Wenn der Stolz den Stinkefinger zeigt Wir marschierten los. Die ersten fünfhundert Meter war ich noch der König der Heide. Ich schwang die Minen fast schon rhythmisch mit. Doch dann passierte etwas Seltsames: Die Erdanziehungskraft in Norddeutschland schien sich im Minutentakt zu verdoppeln. Mit jeder Minute wurden meine Arme länger. Das G3 rutschte, der Klappspaten hämmerte ein Schlagzeug-Solo auf mein Steißbein, und diese vier Tellerminen fühlten sich plötzlich an, als hätte ich versucht, das gesamte Ruhrgebiet im Rucksack wegzuschleppen. Mein Stolz flüsterte mir erst noch zu: „Halt durch, Willi!“ Aber kaum waren wir im dichten Unterholz verschwunden, streckte mir dieser Stolz tatsächlich den Stinkefinger entgegen und verabschiedete sich in den Feierabend. Meine Knie fingen an zu zittern wie Espenlaub im Herbstwind. Ich war kein Kanonier mehr, ich war ein menschlicher Anker. Der „Minen-Willi“ ist geboren Unser Truppführer, ein alter Hase mit einem Blick, der durch Stahlbeton schnitt, hatte das Elend natürlich längst gesehen. Er stoppte den Trupp, kam auf mich zu und grinste so breit, dass man es unter seinem Helm leuchten sah. „Na, Willi? Sind die Teller heute besonders schwer oder hast du vergessen zu frühstücken?“ Bevor ich auch nur „Kurzer Krafteinbruch“ sagen konnte, waren die Minen schon auf vier andere Kameraden verteilt. Ich stand da, mit leeren Händen und einem hochroten Kopf, während der Trupp leise kicherte. Von diesem Moment an war ich nicht mehr der Kanonier Wilhelm – ich war der „Minen-Willi mit der großen Klappe“. Das Fazit
Ich sage es bis heute: Sie haben mir die Dinger zu früh abgenommen! Ich war gerade erst in der Aufwärmphase. Ein, zwei Kilometer mehr, und mein Körper hätte sich an das Gewicht gewöhnt – oder ich wäre einfach tiefer in den norddeutschen Boden eingesunken, bis ich als menschliche Panzersperre gedient hätte. Aber so ist das eben: In der Erinnerung bleibt man der Held, auch wenn man auf dem Marsch kurzzeitig mal die Bodenhaftung (oder die Kraft) verloren hat.
Von diesem Moment an war ich nicht mehr der Kanonier Wilhelm –
ich war der „Minen-Willi mit der großen Klappe“.
Willi und die „Meeuw 2“: Ein Kapitän auf trockenem Fuß!
Da saß ich nun auf meiner Lieblingsbank in Ruhrort, den Blick starr auf den Rhein gerichtet. Eigentlich wollte ich nur kurz schauen, ob die Strömung noch die alte ist, aber plötzlich passierte es: Mein innerer „Papiermacher“ machte Feierabend, und der alte Matrose in mir übernahm das Steuer. In meinem Kopf lösten sich die modernen Containerriesen in Luft auf. Stattdessen schob sich die gute alte „Meeuw 2“ majestätisch durch das Wasser. Ich war nicht mehr der Rentner aus Walsum, der morgens beim Aufstehen manchmal knirscht wie ein Kieslaster. Nein! Ich stand am Deck, die Haare (ja, in der Vorstellung hatte ich noch die volle Pracht!) flatterten im Wind, und ich schaute so verwegen drein, als hätte ich den Rhein höchstpersönlich erfunden. In diesem Moment war ich nicht bloß Willi. Ich war „Wilhelm der Unbeugsame“. Ich schlüpfte in die Rolle des kühnsten Matrosen, den die Meeuw 2 je gesehen hatte. Gerade wollte ich mit einem heroischen Satz an Land springen, um die Leine mit der Eleganz eines Panthers um den Poller zu werfen – eine Szene wie aus einem Hollywood-Film!
„Willi? Willi, alles klar bei dir? Du fuchtelst so mit dem Gehstock in der Luft rum!“
Die Stimme einer alten Bekannten holte mich zurück ans Ufer. Ich blinzelte. Die Meeuw 2 war weg, mein Panther-Sprung war in Wirklichkeit nur ein leichtes Wippen auf der Bank gewesen, und mein „Enterhaken“ war tatsächlich mein treuer Spazierstock. Ich grinste sie nur an und sagte: „Ich hab gerade nur mal kurz die Welt gerettet, Schätzken. Oder zumindest das Schiff pünktlich angelegt.“ Als sie kopfschüttelnd weiterging, lehnte ich mich zufrieden zurück. Ob die Meeuw 2 gerade wirklich da war oder ob ich nur in meinem Kopf als Held über den Rhein geschippert bin, ist doch völlig egal. Diese Orte in meinem Kopf, die müssen nicht im Katasteramt eingetragen sein. Sie gehören mir.
Das ist meine Freiheit: Mit 73 Jahren auf einer Bank in Duisburg zu sitzen, aber gleichzeitig als junger Gott die Meeuw 2 durch die Wellen zu steuern. Wer braucht schon ein Ticket, wenn er solche Tagträume hat?
Ich grinste sie nur an und sagte: „Ich hab gerade nur mal kurz die Welt gerettet, Schätzken.
Es ist ein schöner Moment, dass du hierher gefunden hast. Ich möchte dir direkt zu Beginn eines sagen: Du musst diese Zeilen nicht lesen.
In einer Welt, die oft so hektisch ist und in der man das Gefühl hat, ständig alles mitbekommen zu müssen, soll dieser Ort hier eine Ausnahme sein. Es gibt keinen Zwang und keine Eile.
Doch wenn du dich entscheidest, ein wenig zu verweilen und in meinen Gedanken zu blättern, dann erfüllt mich das mit einer ganz außerordentlichen Freude.
Ich bin nun gute 73 Jahre auf dieser Welt und habe viel gesehen – von den Decks der Schiffe auf dem Rhein bis hin zu den Fahrerkabinen großer LKW und großen Kränen. Dass du dir nun die Zeit nimmst, an meinen Überlegungen teilzuhaben, ist für mich ein großes Geschenk.
Es ist fast so, als würden wir gemeinsam am Ufer in Ruhrort sitzen und den Schiffen hinterher schauen. Ob du nur kurz bleibst oder tiefer eintauchst: Schön, dass du da bist.
Oh Gott, Willi!: Der Kerl hat sich verheddert!
Das ist ja mal wieder eine glatte Untertreibung. Der Willi war kein Wollknäuel, der sich *verheddert* hatte, der Willi war ein *komplett zerfledderter, nasser Schwamm*, der im Schleudergang eines Atomkraftwerks festsaß! Aber gut, du willst es aus meiner Sicht – der Sicht von Willi – mit Witz. Pass auf, jetzt kommt die Geschichte vom großen Verheddern und dem noch größeren "Was jetzt?".
Willi und das große Wollknäuel-Desaster
Hallo! Willi, mein Name. Oder, wie meine liebe Rosi immer sagte: "Willi, der wandelnde, grantige Fragebogen." Und ja, ich gebe es zu: Ich war lange Zeit der festen Überzeugung, das Universum hätte einen besonders fiesen, persönlichen Spießrutenlauf nur für mich eingerichtet. Weißt du, ich hab immer geglaubt,bevor ich Rosi traf, Glück sei so eine Art Hauptgewinn in einer kosmischen Tombola. Manche ziehen 'ne Yacht, manche 'nen Goldbarren, und ich? Ich zog die Niete – und als Trostpreis gab’s eine lebenslange Dauerkarte für die Kategorie "Warum immer ich?". Ich sag dir, mein Lieblingsplatz war mein alter Küchenstuhl. Er war durchgesessen, wackelte auf drei Beinen und quietschte bei jeder Bewegung – also quasi die materielle Repräsentation meiner Seele in dieser Phase. Ich saß da, Kaffee kalt (warum auch warm machen, wenn die Welt eh untergeht?), die Stirn sah aus wie eine zerknüllte Landkarte und mein Gehirn... mein Gehirn war eine Ein-Mann-Frage-Show. "Warum passiert das ausgerechnet mir?" – das war mein Mantra. Der Regen? Der traf nur mein Fenster, nicht das des Nachbarn. Die Sonne? Die schien nur, wenn ich gerade in der hintersten Ecke des Kellers nach Ersatzbirnen suchte. Es war, als würde das Schicksal über mir schweben wie ein schlecht gelaunter Taube, die darauf wartet, ihren *Segen* fallen zu lassen.
Das ganze Hadern – dieses ständige "Warum?" – das war der Moment, in dem ich mich verheddert habe. Stell dir vor, du bist ein riesiges, flauschiges Wollknäuel. Ein prächtiges Ding. Aber dann fängst du an, an einem Faden zu ziehen: "Warum bin ich nicht erfolgreicher?" *Zieh.* "Warum hat er/sie Glück und ich nicht?" *Zieh stärker.* "Warum zur Hölle ist die Milch schon wieder sauer?" *Reiß.* Und plötzlich, mein Lieber, bist du kein Knäuel mehr, sondern ein undurchdringliches Chaos aus Schlingen und Knoten. Ich war nicht nur verheddert, ich war **verknotet, verschlungen und völlig stranguliert von meinen eigenen Gedanken.** Ich steckte mittendrin und sah nur noch Wolle. Überall. Ich wusste, ich musste raus. Ich hab geruckelt, gezerrt, geflucht. Jedes "Warum?" machte den Knoten nur fester. Ich war kurz davor, das ganze Ding mit einer Nagelschere zu zersäbeln, wenn das mein Gehirn nicht irreparabel beschädigt hätte. Und dann kam der Wendepunkt. War es der Nachbar, der mir ungefragt erzählte, dass er seinen Job gekündigt hatte, um Gärtner zu werden? Oder war es das Buch, das ich nur wegen des tollen Covers aus der Bibliothek geklaut… *äh*, ausgeliehen hatte? Egal. Plötzlich, mittendrin in meinem Woll-Gefängnis, hörte ich mich eine neue Frage stellen. Nicht mehr: "Warum habe ich diesen geplatzten Reifen schon wieder?" – was sowieso nur zur Erkenntnis führte, dass der Nagel ein Arschloch war. Sondern: **"Wozu ist das gut?"** Boom! Ein Quantensprung! Willi, der Grantler, wird Willi, der Philosoph! Ich klang wie ein Motivations-Poster, aber es hat funktioniert. Der geplatzte Reifen? Das war nicht das Ärgernis, das war die *Gelegenheit*, mal wieder mit meinem Mechaniker Horst über seine blöden Hühner zu reden (die legen nämlich Eier, keine Steine – so viel zum Thema Glück!). Der verlorene Schlüssel? Klar, ein Horror, aber beim Suchen bin ich durch all die alten Schubladen gestolpert und hab das Foto von mir als Kind mit dem schrecklichen Pilzkopf-Haarschnitt wiedergefunden. Ein schöner Spaziergang durch Erinnerungen und Lachkrämpfe. Ich hab begriffen, dass die sogenannten *Glückspilze* – diese strahlenden, erfolgreichen Exemplare – genauso oft im Matsch steckten wie ich. Der Unterschied war: Die blieben da nicht stehen und veranstalteten eine Schlamm-Jammerei. Die fragten nicht: "Warum ich?", die sagten: "Okay, ich steck im Matsch. **Was jetzt?** Wie komm ich hier raus? Brauch ich einen Spaten, ein Handtuch oder einen Bagger?" Heute bin ich noch immer Willi. Kein Guru, kein Kerl, der auf Bali im Lotus-Sitz weise Sprüche klopft. Ich bin der Kerl, der immer noch vergisst, die Milch in den Kühlschrank zu stellen. Aber ich bin nicht mehr im Wollknäuel-Desaster gefangen. Ich bin derjenige, der den Faden wieder aufgenommen hat. Und wenn er gerissen ist, dann pfeif ich drauf. Dann knote ich halt einen neuen, notfalls mit einem leuchtend pinken Faden, damit ich ihn beim nächsten Mal gleich sehe. Denn die einzig wichtige Frage, mein Lieber, ist nicht die, die dich in die Schlingen zieht. Es ist die, die dich wieder in Bewegung setzt: **"Was jetzt?"** Und jetzt? Jetzt mach ich mir einen warmen Kaffee. Und dann schau ich, was das Universum als Nächstes fallen lässt. Ich hab nämlich einen Bagger bestellt. Nur für den Fall. Man wird ja vorsichtig, wenn man mal so tief verheddert war.
Die Sonne? Die schien nur, wenn ich gerade in der hintersten Ecke des Kellers nach Ersatzbirnen suchte.
Heimweh nach mir – Eine Revier-Reise zu mir selbst!
Es war einer dieser grauen Dienstage hier in Walsum. Oder vielleicht war es auch ein Mittwoch – man verliert das Gefühl für die Wochentage, wenn man seit zehn Jahren im Ruhestand ist und die Termine eher von den Gezeiten des Rheins als von der Stechuhr bestimmt werden. Ich saß auf meinem Sofa, das inzwischen so flachgedrückt war wie ein trauriger Pfannkuchen, und starrte in die Ferne. Na ja, eigentlich starrte ich nur auf die Magnete an meinem Kühlschrank. Und da traf es mich, wie ein schlecht gezielter Tampen, der einem beim Anlegen am Steiger in Ruhrort um die Ohren fliegt:
Ich hatte Heimweh.
Aber es war kein Heimweh nach einem Ort. Ich wohne ja gerne hier im Norden von Duisburg. Es war kein Heimweh nach Mamas Apfelkuchen oder nach der Zeit, als ich als Kind noch dachte, die großen Kräne im Hafen wären schlafende Giganten. Nein. Ich hatte Heimweh nach mir selbst.
„Willi, wo bist du eigentlich abgeblieben?“,
fragte ich mich laut. Ich fing an, in der Sofaritze zu suchen – man weiß ja nie. Aber außer einem alten Keks und einer Socke, die wahrscheinlich seit der letzten Goldwing-Tour dort verschollen war, fand ich nichts. Ich war nicht da.
Zwischen Goldwing und Couchpotatoes
Ich erinnerte mich an den Willi von früher. Der Kerl, der nächtelang auf dem Bock saß oder als Matrose auf dem Rhein den Wind im Gesicht spürte. Damals war ich spontan. Wenn ich nachts um drei Hunger hatte, gab es eine Dose Ravioli – kalt oder warm, völlig egal, Hauptsache es ging weiter.
Heute? Heute überlege ich zehn Minuten lang, ob ich wirklich aufstehen soll, um die Fernbedienung zu holen, oder ob ich einfach warte, bis Rosi reinkommt und sie mir reicht. Ich vermisse diesen leicht chaotischen, charmant verwirrten Willi, der dachte, ein Yoga-Kurs sei eine neue Eissorte beim Italiener in Ruhrort.
Der digitale Rettungsring
Da ich ja mit dem Computer ganz gut klarkomme und mich sonst eher in HTML und CSS verliere, dachte ich mir: „Google doch mal.“ Ich tippte also ein: „Wie finde ich mich selbst?“ Die Antwort war ein Ratgeber mit 47 Schritten. Schritt eins: „Kaufen Sie eine Zimmerpflanze und bauen Sie eine emotionale Bindung auf.“ Ich hab’s versucht. Ich kaufte ein kleines Ding für die Fensterbank. Sie hielt genau drei Tage durch. Ich nannte sie „Selbstzweifel“, bevor sie endgültig die Blätter hängen ließ.
Danach versuchte ich es mit Meditation. Aber mein innerer Frieden war wohl gerade auf Landgang. Statt Erleuchtung hörte ich nur die Nachbarn im Treppenhaus und meinen Magen, der Geräusche machte wie ein alter Schiffsdiesel, der dringend eine Wartung braucht.
Die Erleuchtung am Waschbecken
Der Durchbruch kam schließlich ganz unspektakulär – beim Zähneputzen. Ich sah in den Spiegel, an den Falten vorbei, die das Leben als LKW-Fahrer und Papiermacher dort hinterlassen hatten. Ich sah mich an und dachte:
„Moment mal, Willi. Du bist ja gar nicht so übel.“
Ich grinste mir selbst zu. Und da war er wieder, zumindest zu einem großen Teil. Vielleicht bin ich mit 73 nicht mehr der, der die Goldwing mit einer Hand wendet, aber der Kern ist noch derselbe. Der Rest von mir steckt wahrscheinlich irgendwo zwischen den Zeilen eines alten Programmiercodes oder wartet unten am Rhein in Ruhrort auf mich, wenn die Sonne untergeht. Ich habe gelernt: Heimweh nach sich selbst ist eigentlich nur ein Zeichen, dass man mal wieder über sich selbst lachen muss. Und vielleicht mache ich mir heute Nacht um drei einfach mal eine Dose Ravioli auf. Nur um zu sehen, ob es noch so schmeckt wie früher.
Dein Willi
Der Durchbruch kam schließlich ganz unspektakulär – beim Zähneputzen.
Zum Jahreswechsel hab ich ein paar Wünsche an Dich, ja auch an Dich!
Ich weiß nicht mehr genau, wann es angefangen hat – dieses Verheddern in Erinnerungen. Vielleicht war’s an einem dieser stillen Sonntagmorgen, wenn der Kaffee ein bisschen bitter schmeckt und die Gedanken besonders weich sind. Oder irgendwann, als das Leben langsamer wurde und die Vergangenheit lauter.
Ich saß da, wie so oft, am Fenster. Der Blick ging über die Dächer von Walsum, über den Rhein, der da hinten noch immer seinen Weg zieht, als hätte er alle Zeit der Welt. Und während ich so dasitze, kommen sie, die Bilder. Die Jahre auf dem Wasser, die staubigen Baustellen, die langen Fahrten im Kippsattel. Rosi, wie sie lacht, wie sie schimpft, wie sie einfach da ist. Unser Sohn, längst erwachsen, mit eigenem Leben, eigenen Wegen. Und dann – mitten in all dem – kam mir ein Gedanke. Kein Wunsch für mich. Nein. Sondern für dich. Für dich, der du das hier liest. Vielleicht suchst du gerade. Vielleicht fragst du dich, wohin das alles führt. Vielleicht brauchst du einfach nur einen Moment zum Durchatmen. Ich wünsche dir einen Glauben. Nicht unbedingt einen religiösen – das ist jedem selbst überlassen. Ich meine einen Glauben, der dich trägt, wenn alles wankt. Einen, der dir Trost spendet, wenn die Welt zu laut wird und die Stille zu schwer. Einen, der dich stark macht – nicht nur für dich, sondern auch für andere. Für die, die schwach sind, hilflos, verloren. Denn weißt du: Stärke ist nicht das, was man zeigt. Stärke ist das, was man gibt.
Ich wünsche dir einen Glauben, der dich dankbar macht. Für die kleinen Dinge. Das Lächeln eines Fremden. Den Duft von frischem Brot. Das warme Licht am Abend, wenn der Tag sich leise verabschiedet. Dankbarkeit ist wie ein Anker – sie hält dich fest, wenn der Sturm kommt. Und ich wünsche dir einen Glauben, der dir den Sinn des Lebens zeigt. Nicht als große Antwort mit Trompeten und Tamtam. Sondern als leises Verstehen. Vielleicht liegt der Sinn nicht im Ziel, sondern im Weg. In den Begegnungen. In den Umwegen. In den stillen Momenten. Vor allem aber wünsche ich dir einen Glauben, der unerschütterlich ist. Einen, der bleibt, wenn alles andere geht. Einen, der dir sagt: Du bist da. Du zählst. Du wirst geliebt.
Das wünsche ich dir – von Herzen.
Dein Willi
Ich meine einen Glauben, der dich trägt, wenn alles wankt.
Einen, der dir Trost spendet, wenn die Welt zu laut wird und die Stille zu schwer.
Ein Schuss in der Nacht – Erinnerung an eine Fahrt ins Ungewisse
Manchmal, wenn ich so in meinem Sessel sitze und der Wind draußen an den Fenstern rüttelt, dann kommt sie wieder vorbei – die Vergangenheit. Neulich war sie besonders hartnäckig. Hat sich zu mir gesetzt, mir ein Bonbon aus den 80ern in die Hand gedrückt und gesagt: „Na, Willi, erinnerst du dich noch?“ Und wie ich mich erinnere. Es war Ende 1979, ich war 28 Jahre alt, jung, kräftig, mit ordentlich Diesel im Blut. Damals fuhr ich für die Spedition Fromberger in Duisburg. Ein ehrlicher Job, viel unterwegs, viel Verantwortung – und manchmal auch ein bisschen Abenteuer. An jenem Abend war ich mit einer schweren Ladung Richtung Eifel unterwegs. Der LKW war hinten zu schwer beladen, das Ding schwamm auf der Autobahn wie ein alter Kahn auf dem Rhein. Ich hatte alle Hände voll zu tun, das Gefährt in der Spur zu halten. Die A3 lag dunkel vor mir, das Radio spielte leise Musik – irgendwas mit viel Hall und Synthesizer, wie das damals eben so war. Ich war müde, wollte auf dem nächsten Rastplatz Feierabend machen. Und dann, kurz bevor ich unter einer Brücke durchfuhr, passierte es: Ein lauter Knall. Kein Reifenplatzer, kein Ast auf der Straße – nein, das war ein Schuss. Ich kannte diesen Klang noch aus meiner Zeit beim Bund. Das war kein Zufall. Ich zog sofort auf den Standstreifen, stieg aus, Herz bis zum Hals. Ich untersuchte die Reifen, die Plane, die Achsen – nichts. Alles schien in Ordnung. Vielleicht hatte ich mich ja doch getäuscht? Ich fuhr weiter bis zum Rastplatz, aber der Knall ließ mich nicht los. Am nächsten Morgen, im ersten Licht, sah ich es dann: eine tiefe Einkerbung direkt unter der Frontscheibe, auf der Fahrerseite. Da war was eingeschlagen. Und plötzlich wurde mir klar – da hat wirklich jemand auf mich geschossen. Auf mich! Mitten in der Nacht, auf der Autobahn. Ich hab überlegt, wer das gewesen sein könnte. Hatte ich jemanden verärgert? Einen Streit? Aber mir fiel niemand ein. Ich war ja kein Mensch, der sich Feinde machte. Also fuhr ich weiter, brachte meine Ladung weg, aber der Gedanke ließ mich nicht los. Zwei Tage später, zurück auf dem Hof bei Fromberger, kam der Chef persönlich raus. Ging schnurstracks auf meinen LKW zu, blieb vor dem Einschussloch stehen, runzelte die Stirn. „Was ist denn da passiert, Willi?“ Ich erzählte ihm, was ich vermutete. Und was machte er? Lachte. „Du hast zu viel Fantasie“, sagte er und verschwand wieder in seinem Büro. Tja, das war’s dann für mich. Wenn man mir nicht glaubt, obwohl ich fast draufgegangen wäre – dann ist das nicht mehr mein Laden. Kurz darauf hab ich gekündigt. Und heute, fast ein halbes Jahrhundert später, denke ich manchmal an diese Nacht zurück. An den Knall, an das Zittern in den Händen, an das Gefühl, dass da jemand im Dunkeln auf mich gezielt hat. Und dann lutsche ich mein Bonbon aus den 80ern und denke mir: Junge, was du alles erlebt hast. Und dass ich heute noch hier sitze, das ist vielleicht das größte Wunder von allen.
Da war was eingeschlagen. Und plötzlich wurde mir klar – da hat wirklich jemand auf mich geschossen.
Willi und die Sache mit dem Fortschritt
„Früher“, sagt Willi und lehnt sich zurück, „früher war alles… na ja, nicht besser, aber wenigstens kaputt auf eine ehrliche Art.“
Er meint damit zum Beispiel seinen alten Mercedes. Der hatte Charakter. Und Rost. Und einen Beifahrersitz, der bei jeder Kurve ein Eigenleben entwickelte. „Heute piept alles. Rückfahrkamera, Spurhalteassistent, Kaffeemaschine – wahrscheinlich piept bald auch die Klobrille, wenn du zu lange sitzt.“
Neulich hat er versucht, mit seinem neuen Handy ein Foto zu machen. Ergebnis: 37 Selfies von seinem Nasenloch und ein Video, in dem er flucht wie ein Seemann auf Entzug. „Ich wollte doch nur den Sonnenuntergang fotografieren! Stattdessen hab ich jetzt ein Porträt meiner Nasenhaare in 4K!“
Willi philosophiert über das Alter
„Altwerden ist wie ein Überraschungsei“, sagt er. „Man weiß nie, was weh tut, aber irgendwas tut immer weh. Und die Überraschung ist meistens: Schon wieder Dienstag?“ Er hat sich neulich beim Bücken den Rücken verrenkt – beim Versuch, seine Lesebrille aufzuheben, die er eigentlich auf der Stirn hatte. „Ich hab sie gesucht wie ein Maulwurf im Nebel. Und Rosi steht daneben und sagt nix. Die Frau hat Geduld wie ein Zen-Mönch, aber ich schwör dir, sie hat innerlich Tränen gelacht.“
Willi über das Lachen
„Weißt du“, sagt er und schaut mit diesem Blick, der zwischen Schalk und Wehmut pendelt, „wenn wir nicht mehr über uns lachen können, dann wird’s gefährlich. Dann nehmen wir uns zu ernst. Und wer sich zu ernst nimmt, der verpasst die besten Pointen des Lebens.“ Dann prostet er dir zu – mit einem Kaffeebecher, auf dem steht: „Ich bin nicht alt, ich bin vintage.“ Willi ist nicht nur ein Erzähler. Er ist ein Denkmal mit Humor. Ein Leuchtturm in der Brandung des Alltags, der statt Licht lieber Anekdoten sendet. Und wenn du genau hinhörst, dann hörst du ihn leise murmeln: „Ach, das Leben… ist wie ein alter LKW. Rumpelt, stottert, aber bringt dich irgendwie immer dahin, wo du hinwillst. Und wenn nicht – dann war’s wenigstens eine gute Geschichte.“
Dann prostet er dir zu – mit einem Kaffeebecher,
auf dem steht: „Ich bin nicht alt, ich bin vintage.“
Willi und Willi – ein Gespräch unter Experten
Es war ein Dienstagmorgen, wie er im Buche steht. Der Kaffee dampfte, die Brötchen waren noch warm, und draußen schlich sich der Nebel wie ein alter Kater durch die Straßen von Walsum. Willi saß am Küchentisch, kratzte sich am Kopf und murmelte:
„Na, Willi, was machen wir heute mit dem angebrochenen Tag?“
„Tja“, antwortete Willi – also der andere Willi, der in seinem Kopf wohnt – „vielleicht fangen wir endlich mal mit dem Aufräumen in der Garage an. Oder wir tun einfach so, als hätten wir’s vergessen.“ „Gute Idee“, sagte Willi und nickte sich zustimmend zu. „Vergessen kann ich gut. Hab ich jahrelang geübt.“ Er stand auf, ging zum Spiegel im Flur, schaute sich an und meinte: „Na du alter Charmeur, du siehst heute wieder aus wie frisch aus dem Ei gepellt – wenn das Ei schon ein paar Tage alt ist.“ „Frechheit!“, rief der Spiegel-Willi. „Ich seh aus wie ein gereifter Wein. Nur mit mehr Korken.“
Willi lachte. „Manchmal rede ich mit mir selbst, dann lachen wir beide. Ist ja auch keiner sonst da, der meine Witze versteht.“ Er tappte in die Garage, blieb vor dem alten Werkzeugregal stehen und sagte: „So, jetzt wird aufgeräumt!“ „Ach komm“, flüsterte der innere Willi, „das Regal steht doch erst seit 1987 so. Das hat sich bewährt.“ „Stimmt“, sagte Willi. „Wenn ich jetzt was ändere, find ich ja gar nix mehr.“ Also ging er wieder rein, setzte sich auf den Sessel, nahm einen Schluck Kaffee und sagte: „Willi, du bist ein Fuchs.“ „Ein fauler Fuchs“, ergänzte der andere. „Aber ein glücklicher“, grinste Willi. Und so saßen sie da, Willi und Willi, zwei alte Freunde, die sich nie widersprechen – außer wenn sie sich streiten.
Manchmal rede ich mit mir selbst, dann lachen wir beide.
Der Tag, an dem die Zukunft tuckerte
Es war etwa 1966 oder 1967 – das genaue Jahr ist im Nebel der Geschichte verschwunden, aber die Vibrationen in meinen Knochen spüre ich heute noch. Ich war gerade 15, die Welt war groß und mein Arbeitsplatz war ein Bauernhof in Böken. Mein Vater hatte mich dort abgeliefert, bereit für das Abenteuer „Erwerbsleben“.
Die Begegnung mit dem „Schüttel-Hund“
Mein erster Kontakt mit der Landtechnik war... sagen wir mal: bewegend. Onkel Peter, der Bruder meines Vaters, thronte auf einem alten Trecker, der so laut tuckerte, dass man sein eigenes Wort nicht verstand. Das Gefährt hatte eine Eigenart: Es schüttelte sich so gewaltig, dass ich mich fragte, ob wir gleich losfahren oder ob der Trecker versucht, sich wie ein nasser Hund das Metall vom Leib zu schütteln. Ich klammerte mich am Kotflügel fest, die Knöchel weiß, die Zähne zusammengebissen, um mir nicht die Zunge abzublocken. Wir „reiteten“ quasi zur Werkstatt, in der Onkel Peter arbeitete. Als wir dort ankamen, war ich mir sicher: Wenn ich jetzt absteige, vibriere ich noch bis zum Abendessen weiter.
Der Diamant in der Ecke
Während Onkel Peter im Büro verschwand, um Papierkram zu erledigen, passierte es. Hinten in der dunklen Ecke der Werkstatt sah ich ein Leuchten. Ich schlich näher. Da stand er: Ein brandneuer McCormick. Er glänzte so sehr, dass ich mein staubiges Gesicht im Lack spiegeln konnte. Er roch nach neuem Gummi, frischem Öl und – für mich – nach purer Freiheit.
„Na, gefällt er dir?“
, fragte Onkel Peter, der plötzlich mit einer Tasche voller Papiere hinter mir stand. Es war die Bedienungsanleitung. Der McCormick war nicht für irgendwen – er war für unseren Hof bestimmt!
High-Tech in Gummistiefeln
Der Rückweg war eine Offenbarung. Kein Schütteln, kein Gebrüll, sondern das sanfte Schnurren des Fortschritts. Und das Beste: Der Trecker hatte ein Automatikgetriebe. 1967 war das auf einem Hof in Schleswig-Holstein ungefähr so spektakulär wie eine Mondlandung. Noch am selben Tag drückte mir Onkel Peter das Steuer in die Hand. Ich, der 15-jährige Willi, durfte den Stolz der Familie Hochstein über den Hof lenken. Während die anderen noch staunten, saß ich schon oben wie ein kleiner König. Von da an waren der Acker und ich unzertrennlich. Täglich ging es raus zum Pflügen. Während der Trecker die Arbeit fast von alleine machte, hatte ich genug Zeit, mir über das Leben Gedanken zu machen – eine Angewohnheit, die mir bis heute, über fast 60 Jahre später in Duisburg, geblieben ist. Nur das Schütteln von damals, das brauche ich heute nicht mehr!
Der Rückweg war eine Offenbarung.
Kein Schütteln, kein Gebrüll, sondern das sanfte Schnurren des Fortschritts.
Willi und der Winter, der nie enden sollte
Es war der Winter 1962 oder vielleicht 1963 – so genau weiß ich das heute nicht mehr. Aber ich weiß noch, wie kalt es war. Ich, der kleine Willi, gerade mal zehn oder elf Jahre alt, stapfte durch Schnee, der mir fast bis zur Hüfte reichte. Damals war der Schnee noch richtig weiß, nicht dieses graue Zeug von heute. Und er blieb liegen – wochenlang! Mindestens 50 Zentimeter hoch, jedes Jahr aufs Neue. Für uns Kinder war das kein Problem, sondern ein Versprechen: auf Abenteuer, auf rote Nasen und auf endlose Tage voller Spiel und Lachen. Jeden Morgen hieß es: Schaufel raus und ran an die Arbeit. Die Wege mussten freigemacht werden, damit unsere Eltern zur Arbeit kamen – und wir zum Rodelberg! Der lag direkt hinter unserem Haus, ein kleines Paradies mit einer steilen Abfahrt, die uns wie der Mount Everest vorkam. Dort traf sich das ganze Viertel. Die Schlitten rasten, die Kinder jauchzten, und wer stürzte, wurde mit einem Schneeball begrüßt. Es war herrlich. Natürlich haben wir gefroren. Die Finger klamm in den dicken Wollhandschuhen, die Zehen taub in den Gummistiefeln. Aber das war uns egal. Denn wenn wir nach Hause kamen, war der Ofen schon an. Die Wärme kroch uns in die Glieder, die nassen Sachen dampften vor sich hin, und bald waren wir wieder bereit für die nächste Runde draußen. Ich hatte sogar Schlittschuhe – ein echtes Highlight! Der Ententeich war zugefroren, spiegelglatt, und ich fühlte mich wie ein kleiner Eiskunstläufer. Na ja, eher wie ein Pinguin auf Glatteis. Ich fiel oft auf den Hintern, was für die anderen Kinder natürlich ein Riesenspaß war. Und ich lachte mit – denn so war das eben: Man fiel, man stand auf, und weiter ging’s. Nachts, wenn der Ofen ausging, froren die Fenster von innen zu. Eisblumen wuchsen an den Scheiben, als hätten kleine Wintergeister sie mit feinen Pinseln gemalt. Morgens kam unsere Mutter, machte den Ofen wieder an, und bald war es wieder warm. Kein Gejammer, kein Gemecker – so war das Leben eben. Und es war schön. Heute bin ich 73. Wenn ich an diese Winter zurückdenke, spüre ich sie fast wieder: die Kälte, das Kribbeln in der Nase, das Lachen meiner Geschwister. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte noch einmal Kind sein. Noch einmal mit dem Schlitten den Berg hinunterjagen, mit roten Wangen und einem breiten Grinsen. Noch einmal im Schnee toben, als gäbe es kein Morgen. Aber weißt du was? In Gedanken bin ich längst wieder dort. Und das ist vielleicht das Schönste am Erinnern.
Wenn ich an diese Winter zurückdenke, spüre ich sie fast wieder:
die Kälte, das Kribbeln in der Nase, das Lachen meiner Geschwister.
Willi und die Wolke
Es war einer dieser Tage, an denen der Himmel über Walsum aussah, als hätte jemand mit einem riesigen Löffel Sahne in den Himmel gerührt. Willi saß auf seiner Gartenbank, die Beine ausgestreckt, die Gedanken irgendwo zwischen Kindheit und Kaffeeduft. Neben ihm summte eine Hummel um die letzten Blüten, und Rosi rief aus der Küche: „Willst du noch ein Eis, Willi?“ „Nur wenn’s Himbeere ist!“, rief er zurück – und da passierte es.
Ein Windstoß, ein leises Rauschen, und plötzlich saß Willi nicht mehr auf seiner Bank, sondern… auf einer Wolke. Weich wie frisch geschlagene Sahne, ein bisschen kühl am Hintern, aber herrlich bequem. Er schaute sich um – unter ihm der Rhein, der sich wie ein silbernes Band durch die Landschaft schlängelte, über ihm das Blau des Himmels, so weit wie seine Erinnerungen. In seiner Hand: ein Schälchen mit Himbeereis, garniert mit frischen Beeren. Die Sonne brannte, und Willi schwitzte ein bisschen – aber das war ihm egal. Er löffelte genüsslich, ließ die Beine baumeln und dachte: „Wenn das Leben eine Wolke ist, dann ist es gar nicht so schlecht.“ Natürlich wusste er, dass man auch mal abstürzen kann. Dass das Leben nicht immer nur süß und luftig ist. Aber Willi war sich sicher: Wer auf einer Wolke fällt, der fällt nicht hart. Der gleitet. Der landet vielleicht in einem Kornfeld, oder auf dem Schoß von Rosi, die ihm dann sagt: „Na, wieder geträumt, du alter Wolkenreiter?“ Und Willi würde grinsen, sich das letzte bisschen Eis von der Lippe wischen und sagen: „Wenn das Leben eine Wolke ist – dann bleib ich noch ein bisschen sitzen.“
Er löffelte genüsslich, ließ die Beine baumeln und dachte:
„Wenn das Leben eine Wolke ist, dann ist es gar nicht so schlecht.“
Weihnachten auf der „Revanche“ – Eine Erinnerung aus dem Jahr 1969
Es war Ende Dezember 1969, als ich, der 17-jährige Willi, als Matrose auf der „Revanche“ fuhr – einem ehrwürdigen Schleppschiff mit 862 Tonnen auf den Rippen. Wir lagen vertäut in Rotterdam, direkt an der Seite eines gewaltigen Ozeanriesen. Der Name des Seeschiffes ist mir heute, mit meinen 73 Jahren, leider entfallen – ebenso wie die Ladung, die wir übernahmen. Mein Gedächtnis hat da wohl ein paar Lücken gelassen. Aber was ich nie vergessen werde, ist das, was an jenem frostigen Tag geschah. Der Himmel hing tief und grau über dem Hafen, als wolle er jeden Moment seine Schneelast auf uns herabwerfen. Ich stand an Deck, die Hände in den Taschen vergraben, und beobachtete das geschäftige Treiben beim Verladen. Die Kälte kroch mir durch die Kleidung, aber ich war jung, neugierig – und voller Sehnsucht nach einem Hauch von Weihnachten, das in der Ferne lag.
Plötzlich hörte ich eine Stimme. Erst dachte ich, es sei der Einweiser, der dem Kranführer Anweisungen gab. Doch die Stimme klang anders – fremd, fast wie ein Lied in einer Sprache, die ich nicht verstand. Ich sah mich um, suchte nach der Quelle, und da entdeckte ich ihn: einen Mann, der mir aus einem großen Bullauge des Seeschiffes zuwinkte. Er sprach etwas, das ich nicht verstand, und ich zuckte nur mit den Schultern. Doch er ließ nicht locker. Mit einem breiten Grinsen zog er ein großes Paket hervor und winkte damit. Ich machte ihm ein Zeichen, dass er doch herunterkommen solle. Und tatsächlich – nach einer Weile erschien er an einem tiefer gelegenen Bullauge, fast auf meiner Höhe. Er streckte mir das Paket entgegen, seine Hände zitterten leicht in der Kälte, und dann sagte er mit schwerem Akzent zwei Worte, die er wohl eigens für diesen Moment gelernt hatte: „Frohe Weihnachten.“ Ich war so überrascht, dass ich das Paket beinahe ins Hafenbecken hätte fallen lassen. Doch ich fing mich, rief ihm noch ein hastiges „Danke!“ hinterher – aber er war schon verschwunden. Einfach weg. Als hätte ihn der Wind davongetragen. Neugierig öffnete ich das Paket. Darin lag ein riesiger, tiefgefrorener Weihnachtsbraten – sicher drei oder vier Kilo schwer – und eine Dose Rotkohl. Ich konnte es kaum fassen. Dieses Geschenk war nicht nur für mich, sondern reichte für die ganze Besatzung: den Kapitän, seine Frau, die beiden Kinder – und mich. Die Kapitänsfrau nahm das Fleisch sofort entgegen und verstaute es in der Kühltruhe. An Heiligabend wurde der Braten aufgetischt. Mit Bratensoße und dem Rotkohl – ein Festmahl, wie ich es auf See nie erwartet hätte. Wir saßen zusammen, lachten, erzählten Geschichten, und für einen Moment war es, als wäre der kalte Hafen von Rotterdam ein kleines Stück Zuhause geworden. Den geheimnisvollen Spender habe ich nie wiedergesehen. Wer war er? Ein Seemann mit großem Herzen? Ein Weihnachtsengel in Ölzeug? Oder war es gar der Weihnachtsmann selbst, der sich auf einem Ozeanriesen verirrt hatte? Wenn ich ehrlich bin – ich meine, ich hätte in der Ferne das leise Schnauben von Rentieren gehört…
An Heiligabend wurde der Braten aufgetischt.
Mit Bratensoße und dem Rotkohl – ein Festmahl,
wie ich es auf See nie erwartet hätte.
„Zuhause ist, wo du geliebt wirst – mit all deinen Macken“
Also pass auf, dat iss so:
In seinem Alter hat Willi schon einiges gesehen. Er hat Maschinen bedient, die so groß waren wie Häuser, ist mit amerikanischen Trucks durch Felder und Städte gerollt, hat gelacht, geflucht, geschuftet – und immer wieder gestaunt, wie das Leben so spielt. Doch wenn man ihn heute fragt, was das Wichtigste im Leben ist, dann sagt er nicht „ein gutes Motorrad“ oder „ein kühles Bier im Schatten“. Nein. Dann schaut er einen an, schmunzelt und sagt: „Zusammen leben… das ist die wahre Kunst.“ Willi weiß, wovon er spricht. Seit über fünf Jahrzehnten lebt er mit Rosi zusammen – seiner Rosi, die ihn kennt wie kein anderer. Die seine Geschichten schon hundertmal gehört hat und trotzdem noch lacht. Die seine Schrullen kennt – und sie nicht nur duldet, sondern manchmal sogar liebevoll aufzieht. „Wenn du den Menschen wirklich liebst“, sagt Willi, „dann liebst du auch seine Fehler. Sonst wird er nie ganz bei dir ankommen.“ Er erinnert sich an die ersten Jahre mit Rosi. Wie sie sich gestritten haben, weil er den Wohnwagen schief geparkt hatte. Oder weil er wieder mal vergessen hatte, den Müll rauszubringen. „Damals dachte ich, das sind Katastrophen“, lacht er. „Heute weiß ich: Das waren die kleinen Prüfungen, ob wir’s ernst meinen.“ Denn Zuhause, das ist für Willi kein Ort mit vier Wänden. Es ist ein Gefühl. Es ist der Blick, den Rosi ihm zuwirft, wenn er mal wieder mit ölverschmierten Händen an einem alten Moped bastelt. Es ist das gemeinsame Schweigen beim Kaffee am Morgen. Es ist das Wissen: Hier darf ich sein, wie ich bin – mit all meinen Ecken und Kanten. „Perfekte Menschen gibt’s nicht“, sagt Willi. „Aber es gibt Menschen, die dich lieben, obwohl du nicht perfekt bist. Und das ist viel besser.“ Und so sitzt er da, an einem milden Abend am Rhein, schaut auf das Wasser, das wie sein Leben mal ruhig, mal wild dahinfließt, und denkt: Zusammen leben – das ist nicht immer leicht. Aber wenn man’s richtig macht, ist es das Schönste, was es gibt.
Denn Zuhause, das ist für Willi kein Ort mit vier Wänden. Es ist ein Gefühl.
Wolken über Alsum – Gedanken eines Jungen, Erinnerungen eines alten Mannes
Also pass auf, dat war so:
Ich bin jetzt alt. Und manchmal, wenn ich auf einer Bank am Rheinufer sitze, dort wo früher Alsum lag, schaue ich in den Himmel und sehe sie wieder: die Wolken. Weiß, weich, lautlos ziehen sie dahin – wie Gedanken, wie Erinnerungen. Und dann bin ich wieder der kleine Willi von damals, barfuß auf der Wiese, mit Grasflecken an den Knien und dem Kopf voller Fragen. Damals glaubte ich, die Erde sei von einer riesigen Glaskuppel umgeben. Eine durchsichtige, schützende Hülle – wie bei meiner alten Käseglocke, unter der ich einmal Moos und ein paar Ameisen gefangen hatte. Ich war stolz auf mein kleines Terrarium. Doch ich hatte sie in die Sonne gestellt, zu lange. Irgendwann war alles darunter tot. Das Moos vertrocknet, die Ameisen reglos. Ich war erschrocken. Und traurig. Ich erinnere mich noch genau, wie ich damals auf der Wiese lag, den Himmel betrachtete und dachte: „Wenn unsere Erde auch unter so einer Glaskuppel steckt – was ist, wenn Petrus vergisst, mal zu lüften?“ Ich stellte mir vor, wie wir Menschen langsam müde würden, wie die Blumen welkten, weil keiner das Fenster aufgemacht hatte. Und ich nahm mir vor, Petrus daran zu erinnern – irgendwann, wenn ich groß bin. Heute weiß ich natürlich, dass es keine Glaskuppel gibt. Aber manchmal, wenn ich die Wolken über dem alten Alsum sehe, wünsche ich mir, es gäbe sie doch. Eine Kuppel, die uns schützt. Vor dem Lärm, vor der Hektik, vor dem Vergessen. Und dass jemand da oben noch immer daran denkt, hin und wieder zu lüften. Denn auch wenn ich älter geworden bin – meine Gedanken von damals, die sind geblieben. Und vielleicht ist es genau das, was uns Menschen ausmacht: Dass wir träumen, staunen und uns fragen, wie alles zusammenhängt. Selbst wenn wir längst wissen, dass die Erde keine Käseglocke ist.
Und dass jemand da oben noch immer daran denkt, hin und wieder zu lüften.
Willi, der Fast-Bauer von Besten
Also pass auf, dat war so:
Es war einmal – und das ist kein Märchen, sondern bittere Wahrheit – ein jüngerer Willi, der mit seiner Rosi eine ganz besondere Idee hatte: „Rosi“, sagte ich damals, „wie wär’s, wenn wir uns eine Wohnung auf einem Bauernhof mieten? Mit Familienanschluss, frischer Landluft und ein bisschen mithelfen – das wär doch was!“ Rosi, die bei dem Wort Familienanschluss sofort an Kaffee und Kuchen mit der Bäuerin dachte, war begeistert. Ich hingegen hatte eher romantische Vorstellungen: morgens mit dem Hahn aufstehen, in Gummistiefeln durch den Morgentau stapfen, Kühe streicheln, vielleicht sogar ein Traktorrennen mit dem Nachbarn gewinnen. Kurz: das volle Landidyll. Also fuhren wir raus nach Besten bei Kirchhellen. Der Hof lag malerisch zwischen Feldern, Kühen und einem Hahn, der aussah, als hätte er einen persönlichen Groll gegen Langschläfer. Die Wohnung war urgemütlich – rustikale Holzbalken, ein Kachelofen, der bei jedem Windstoß röchelte wie ein alter Traktor, und ein Ausblick, bei dem selbst der Wetterbericht neidisch geworden wäre. Doch dann kam der Haken. Der Bauer, ein kerniger Typ mit Händen wie Baggerschaufeln, grinste mich an und sagte: „Wenn ihr hier wohnt, dann seid ihr auch Teil vom Betrieb. Morgens um fünf geht’s los – Kühe melken, Hühner füttern, Mist fahren. Und am Wochenende? Da wird geschlachtet.“ Ich schluckte. Kühe melken? Um fünf Uhr morgens? Ich hatte gehofft, das sei ein Klischee. Und Mist fahren klang auch nicht nach einem romantischen Ausflug mit dem Traktor, sondern eher nach einer geruchlichen Grenzerfahrung. Rosi sah mich an, ich sah Rosi an – und wir wussten beide: Das wird nix. Ich bin ja eher der Typ „Kaffee ans Bett“ als „Kuh an den Euter“. Und Rosi hatte plötzlich doch keine Lust mehr auf Familienanschluss, als sie hörte, dass die Bäuerin jeden Sonntag um sechs Uhr zum Kartoffelschälen rief.
Also zogen wir wieder ab – zurück nach Walsum, zurück in die Zivilisation. Ohne Kühe, ohne Mist, aber mit einer Geschichte mehr im Gepäck.
Heute, mit 73, denke ich manchmal: Was wäre gewesen, wenn? Vielleicht wären Rosi und ich jetzt ein altes Bauernpaar, das sich liebevoll beim Melken streitet, wer die bessere Technik hat. Vielleicht hätte ich längst einen Preis für die schönste Kartoffel gewonnen. Oder ich wäre der erste Traktor-Influencer auf YouTube geworden – Willi fährt vor! Aber so blieb ich eben der Willi aus Walsum. Und das ist auch gut so. Denn Kühe sind zwar nett – aber mein Kaffee schmeckt mir einfach besser ohne Stallgeruch.
Also zogen wir wieder ab – zurück nach Walsum, zurück in die Zivilisation.
Die Engel backen wieder – Willis Kindheitserinnerung
Also pass auf, dat war so:
Willi war noch klein, als er zum ersten Mal die Worte seiner Mutter hörte:
„Wenn der Himmel sich rot färbt, dann backen die Engel wieder.“
Damals verstand er nicht sofort, was sie meinte. Doch jedes Mal, wenn der Morgenhimmel in ein tiefes Rot getaucht war, stellte er sich vor, wie hoch oben im Himmel eine große Backstube lag. Dort huschten Engel mit weißen Schürzen und goldenen Locken umher, ihre Flügel schimmerten im Licht der aufgehenden Sonne. Sie kneteten Teig, ließen Mehl wie Schneeflocken durch die Luft tanzen und schoben riesige Kuchenbleche in himmlische Öfen, die so groß waren wie Wolken. Willi drückte seine Nase an die Fensterscheibe und sah, wie die Häuser in der Ferne im roten Licht erstrahlten. Für ihn war das der Beweis: Die Engel waren gerade dabei, ihre süßen Wunderwerke zu vollenden. Er konnte fast den Duft von Vanille und Zimt riechen, als würde er durch die Morgenluft bis zu ihm getragen. Seine Mutter lächelte dann und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Siehst du, Willi,“ sagte sie, „die Engel teilen ihre Freude mit uns. Das rote Licht ist der Glanz ihrer Öfen.“ Viele Jahre später, als Willi längst erwachsen war, blieb diese Erinnerung lebendig. Wenn er früh am Morgen aus dem Fenster sah und die Sonne den Himmel in ein warmes Rot tauchte, kehrte er für einen Augenblick zurück in jene Kindheitstage. Er spürte wieder die Geborgenheit, das Staunen und die Freude, die ihn damals erfüllten. Und so denkt er jedes Mal, wenn die Sonne aufgeht und die Welt in rotes Licht hüllt: „Die Engel backen wieder.“
Die Engel waren gerade dabei, ihre süßen Wunderwerke zu vollenden.
Willi und das große Glück – oder: Wie ich schon mit Sechs Jahren die Welt verbessern wollte
Also pass auf, dat war so:
Ich war Sechs Jahre alt, hatte noch Milchzähne im Mund und Marmelade im Gesicht. Meine Mutter – eine Frau mit Herz, Humor und einem Blick, der selbst den Hund vom Sofa verscheuchte – sagte mir immer: „Willi, Junge, Glück is dat Wichtigste im Leben!“ Und ich, kleiner Knirps mit großem Kopf und noch größerem Dickschädel, hab das natürlich sofort verinnerlicht. Klar, wenn Mama dat sagt, dann stimmt dat auch. Dann kam ich in die Schule. Erste Klasse. Fräulein Meier, eine Frau mit Dutt, Brille und der pädagogischen Ausstrahlung eines Verkehrspylons, stellte uns die große Frage: „Was wollt ihr mal werden, wenn ihr groß seid?“ Die anderen Kinder schrieben brav: Feuerwehrmann, Tierärztin, Lokführer, Prinzessin – du kennst das Spiel. Und ich? Ich schrieb mit krakeliger Schrift, die aussah wie ein betrunkener Regenwurm: „glücklich“. Fräulein Meier guckt auf mein Blatt, dann auf mich, dann wieder aufs Blatt. „Willi“, sagt sie, „du hast die Aufgabe nicht verstanden.“ Ich guck sie an, ganz ernst, mit dem Blick eines kleinen Philosophen im Cordhosenformat, und sag: „Und Sie haben das Leben nicht verstanden.“ Stille. Dann ein leises Kichern von hinten. Dann Gelächter. Dann Hausaufgaben bis zum Sanktnimmerleinstag. Aber ich sag dir was: Ich hatte recht. Und Mama hat später gesagt: „Junge, du bist vielleicht frech – aber du hast das Herz am rechten Fleck.“ Und weißt du was? Ich bin zwar nie Feuerwehrmann geworden, aber glücklich – das hab ich ganz gut hingekriegt. Auch ohne Dutt und Verkehrspylone.
Ich war Sechs Jahre alt, hatte noch Milchzähne im Mund und Marmelade im Gesicht.
Willi wundert sich – oder: Die Welt schrumpft nicht, sie dehnt sich nur in die falsche Richtung
Damals… ja, damals war alles besser. Naja, vielleicht nicht besser – aber irgendwie… anders. Heute ist alles so weit weg. Früher war die Straßenecke gleich da, ein Katzensprung. Jetzt? Eine halbe Tagesreise mit Proviant und Wanderstock! Und dieser Hügel auf dem Weg – der war früher definitiv nicht da. Ich schwöre, der ist über Nacht gewachsen. Vielleicht ein Maulwurf mit Ambitionen? Das Rennen zum Bus hab ich übrigens aufgegeben. Der fährt jetzt immer zu früh ab. Früher hat er gewartet, wenn er mich hat kommen sehen. Heute? Ich winke, er winkt zurück – und fährt los. Vielleicht denkt er, ich winke zum Abschied. Die Treppen in meinem Haus sind auch höher geworden. Früher bin ich sie raufgesprungen wie ein junger Rehbock. Heute? Eher wie ein alter Dackel mit kurzen Beinen und schwerem Gepäck. Und die Bücher! Die drucken die jetzt mit winzigen Buchstaben, da braucht man ja ein Mikroskop. Aber jemanden bitten, mir was vorzulesen? Zwecklos. Die Leute nuscheln nur noch. Oder flüstern. Oder beides. Vielleicht ist das der neue Trend: „Silent Reading – jetzt auch zum Zuhören!“ Und dann die Kleidung! Früher war mehr Stoff dran. Heute? Da fehlt was – besonders um die Hüften. Ich schwöre, meine Hosen schrumpfen im Schrank. Und die Größen! Früher war ich ein stattlicher L, jetzt passe ich kaum noch in ein XXL. Die Modeindustrie will uns wohl weismachen, dass wir wachsen – aber nur in die Breite. Und die Menschen! Die sind heute alle so jung. Ich sehe 20-Jährige, die aussehen wie 12. Und die Leute in meinem Alter? Die sehen aus wie… naja, wie meine Großeltern! Neulich traf ich eine alte Klassenkameradin. Ich hab sie sofort erkannt – sie mich nicht. Ich dachte: „Die Arme, das Alter hat sie wohl erwischt.“ Dann kämmte ich mir die Haare – also, das, was davon noch übrig ist – und sah in den Spiegel. Und was soll ich sagen? Auch die Spiegel sind nicht mehr das, was sie mal waren! Aber weißt du was? Ich lache drüber. Denn wenn die Welt sich verändert, dann lache ich eben mit. Und wenn der Bus zu früh fährt – dann winke ich ihm eben hinterher. Mit einem Lächeln. Und einem Kaffee in der Hand. Denn das Leben ist zu kurz für schlechte Laune – und zu lang, um sich über schrumpfende Hosen zu ärgern.
Früher hat er gewartet, wenn er mich hat kommen sehen.
Heute? Ich winke, er winkt zurück – und fährt los.
Willi, der Sinnfinder – und Rosi, die Windtänzerin
Neulich saß ich mit meiner Rosi auf dem Balkon. Die Sonne schien, der Kaffee dampfte, und der Wind spielte mit dem Vorhang, als hätte er Tango gelernt. Ich schaute dem Stoff zu, wie er so leicht und beschwingt durch die Luft tänzelte, und dachte: „Mensch Willi, früher war das Leben manchmal wie ein schwerer Vorhang aus Blei – grau, muffig, und immer im Weg. Und jetzt? Jetzt flattert es wie Omas Gardine im Frühlingswind!“
Rosi grinste, als hätte sie meine Gedanken gelesen. „Du wirst philosophisch, Willi“, sagte sie und tunkte ihr Stück Streuselkuchen in den Kaffee. Ich nickte weise – mit Streuselkuchen im Mund philosophiert es sich übrigens besonders gut. „Weißt du, Rosi“, sagte ich, „ich hab’s gefunden. Meinen Sinn. Nicht den großen, weltbewegenden Sinn des Lebens – den überlass ich den Philosophen mit Rollkragenpulli. Ich mein meinen ganz persönlichen Sinn. Was ich will, was mir wichtig ist, und wohin ich will.“ Rosi schob sich die Sonnenbrille auf die Nase und meinte trocken: „Solange du nicht wieder mit dem Wohnwagen nach Transsilvanien willst, bin ich dabei.“ Ich lachte. „Nein, diesmal nicht. Ich mein eher so innerlich. Weißt du, wenn man das einmal geschnallt hat – was einem wirklich wichtig ist – dann fügt sich alles. Wie bei einem guten Eintopf: Erst sieht’s aus wie Chaos, aber am Ende passt alles zusammen und schmeckt nach Zuhause.“ Rosi prostete mir mit ihrer Kaffeetasse zu. „Dann lass uns weiterlöffeln, Willi. Vom Leben. Vom Eintopf. Und vom Glück.“ Und so saßen wir da, zwei Sinnfinder mit Kaffeetasse und Kuchenkrümeln, während der Wind weiter mit dem Vorhang tanzte – und wir mit dem Leben.
Die Sonne schien, der Kaffee dampfte,
und der Wind spielte mit dem Vorhang, als hätte er Tango gelernt.
Besuch bei der Vergangenheit
Also, neulich hab ich mal wieder meine alte Bekannte besucht – die Vergangenheit. Die wohnt bei mir im Oberstübchen, ganz hinten links, gleich neben dem Regal mit den vergessenen Geburtstagen und dem Schrank voller Jugendsünden. Ich klopf also an, ganz höflich, wie sich das gehört. „Na, altes Mädchen“, sag ich, „wie geht’s dir denn so?“ Sie sitzt da, gemütlich in ihrem Schaukelstuhl, strickt an einem Schal, der schon so lang ist, dass er locker einmal um den Walsumer Marktplatz reicht, und nippt an einem Tässchen Erinnerungskaffee. „Ach Willi“, sagt sie, „du schon wieder. Was willst du denn diesmal? Noch mal die Geschichte mit dem Goldwing und dem Hänger, der sich selbstständig gemacht hat? Oder lieber die Sache mit dem explodierenden Campingkocher in Winterswijk?“ Ich grinse. „Ach, ich wollt dich einfach mal wieder mitnehmen. Weißt schon, bisschen raus, bisschen frische Luft, vielleicht 'ne Runde durch den Park, alte Zeiten aufleben lassen.“ Da lacht sie nur, ganz weise, wie so eine Oma, die schon alles gesehen hat. „Willi“, sagt sie, „ich hab meine Arbeit getan. Jetzt bist du dran. Ich bleib hier. Und pass auf, dass du nicht wieder mit dem Fahrrad in die Mülltonne fährst, wenn du in Erinnerungen schwelgst!“ Tja, da stand ich nun. Die Vergangenheit wollte nicht mitkommen. Aber sie hat mir zum Abschied noch ein Bonbon aus den 80ern zugesteckt – Himbeergeschmack, leicht angestaubt, aber immer noch süß. Und so bin ich wieder raus aus meinem Kopf, zurück in die Gegenwart. Die Zukunft hat mir übrigens auch schon gewunken. Aber die ist mir manchmal zu hektisch. Ich bleib lieber noch ein bisschen hier – zwischen Kaffeeduft und alten Geschichten.
„Ach Willi“, sagt sie, „du schon wieder.
Was willst du denn diesmal?
🐔 Hühnersuppe Pur – oder: Das Bein des Grauens 🐔
Also, passt mal auf, ihr Lieben. Ich erzähl euch jetzt was, das glaubt ihr mir im Leben nicht – aber es ist wirklich so passiert. Ich, der Willi, damals zarte 14 Jahre jung, frisch aus der Schule entlassen und voller Tatendrang (und Muskeln, wie ich fand), wurde von meinem Vater kurzerhand nach Holstein verfrachtet. „Der Junge muss zu Kräften kommen“, sagte er. Ich dachte nur: Kräfte? Ich kann doch schon den Kohlesack alleine schleppen! So landete ich also in Böken, einem winzigen Nest bei Neumünster, auf dem Hof der Familie Hochstein. Ein uriger Bauernhof mit allem, was dazugehört: Kühe, Schweine, Hühner – und Arbeit, Arbeit, Arbeit. Aber ich war jung, motiviert und wollte zeigen, was ich konnte. Und die Hochsteins? Die nahmen mich auf wie einen der ihren. Ich war der „kleine Bubi ausm Pott“, aber mit Herz und Händen dabei.
Die Suppe des Schreckens
Eines Tages – es war ein sonniger Mittag, ich weiß es noch wie heute – saßen wir alle auf der überdachten Terrasse am langen Holztisch. Die Glocke hatte geläutet, das hieß: Essen fassen! Und was gab’s? Hühnersuppe. Klingt harmlos, denkt ihr? Ha! Wartet ab.
Frau Hochstein, die Matriarchin des Hauses, stand am Kopfende mit einer Suppenkelle, die aussah wie ein Schöpfwerk vom Rhein. Jeder bekam seinen Teller gefüllt, einer nach dem anderen. Ich, brav wie ich war, schob meinen Teller hin, erwartete ein bisschen Brühe, ein paar Möhrchen, vielleicht ein Stückchen Fleisch. Doch was da aus der Kelle plumpste, war kein Stückchen. Es war ein ganzes Hühnerbein. Und nicht irgendeins – nein! Ein riesiges, krallenbewehrtes, leicht gebogenes Hühnerbein, das aussah, als hätte es noch Pläne. Ich schwöre, es hat gezuckt. Vielleicht war’s der Dampf, vielleicht meine Fantasie – aber ich war mir sicher: Das Ding lebt noch! Ich starrte auf meinen Teller, als hätte mir jemand ein Alien serviert. Die anderen? Die löffelten seelenruhig weiter, als wär das das Normalste der Welt. Und dann kam der Spruch, der mir bis heute im Ohr klingt: „Na, unser kleiner Bubi kriegt heute das beste Stück vom Huhn!“, kicherte Frau Hochstein mit einem Blick, der irgendwo zwischen liebevoll und schelmisch lag. Alle lachten. Nur ich nicht. Ich stand auf, bleich wie die Suppe, und flüchtete nach draußen. Ich glaube, ich hab sogar kurz überlegt, ob ich lieber wieder zur Schule gehe, als noch einmal Hühnersuppe zu essen.
Fazit eines traumatisierten Bauernknechts
Seitdem – und das ist kein Scherz – habe ich bei jeder Suppe erst mal den Löffel als Spürhund benutzt. Man weiß ja nie, was da so lauert. Und wenn irgendwo ein Hühnerbein mit Krallen drin schwimmt, dann bin ich raus. Da hilft auch kein „extra Stück vom Kuchen“ mehr. Aber wisst ihr was? Heute lache ich drüber. Und manchmal, wenn ich Hühnersuppe rieche, höre ich im Geiste noch das Lachen von Frau Hochstein und sehe das Bein, wie es sich langsam aus der Brühe schält…
Doch was da aus der Kelle plumpste,
war kein Stückchen. Es war ein ganzes Hühnerbein!
Der Sturm auf der Maas – Revanche mit dem Tod
Ich war siebzehn. Jung, neugierig, und voller Abenteuerlust, als ich im November 1969 in Rotterdam an Bord der Revanche ging – ein 862-Tonnen-Schleppschiff unter dem Kommando von Cees van Loog. Der Heimathafen? Vielleicht Maasbracht, vielleicht Maastricht – das verschwimmt heute in den Nebeln der Erinnerung. Was ich aber nie vergessen werde, ist jener eine Tag. Der Tag, an dem die Maas ihr wahres Gesicht zeigte. Wir waren stromaufwärts unterwegs, irgendwo zwischen Roermond und Venlo. Es war ein grauer Vormittag, das Wasser ruhig, der Himmel schwer. Ich stand am Bug, der Boxerhund Örban tollte herum, die Kinder des Kapitäns lachten irgendwo unter Deck. Alles schien wie immer – bis der Himmel plötzlich schwarz wurde. Nicht grau. Schwarz. Als hätte jemand das Licht ausgeknipst. Ein Windstoß riss mir fast die Mütze vom Kopf. Dann kam der Regen – waagerecht, peitschend, wie Nadeln ins Gesicht. Innerhalb von Minuten war die Maas ein brodelndes Ungeheuer. Die Wellen türmten sich meterhoch, das Schiff ächzte unter der Last. Wir hingen am Schleppseil, und ich schwöre dir, die Revanche bog sich wie ein Weidenzweig im Sturm. Der Kapitän, sonst ein Fels in der Brandung, wurde kreidebleich. „Wenn sie sich biegt, bricht sie nicht“, murmelte er – aber seine Augen sagten etwas anderes. Dann sahen wir sie. Die Geisterschiffe. Wracks, halb versunken, trieben an uns vorbei. Von manchen ragte nur noch das Steuerhaus aus dem Wasser, wie Mahnmale einer Katastrophe. Zwischen den Wellen trieben Möbel, Kisten, ein Kinderfahrrad, ein zerfetzter Teddy. Ich werde nie vergessen, wie dieser Teddy an unserem Bug vorbeischwamm – mit leerem Blick, als hätte er alles gesehen. Örban jaulte. Die Kinder weinten. Ich klammerte mich an die Reling, während das Schiff unter meinen Füßen vibrierte wie ein lebendiges Wesen. Jeder neue Wellenschlag war ein Fausthieb gegen den Rumpf. Ich dachte, das war’s. Wir würden untergehen wie die anderen. Und niemand würde je erfahren, was mit uns geschah. Doch dann, gegen Abend, ließ der Sturm nach. Die Wellen glätteten sich, der Regen hörte auf. Und es wurde still. Unheimlich still. Kein Vogel, kein Motor, kein Laut. Nur das leise Knarzen des Holzes und das Tropfen des Wassers von den Planen. Es war, als hätte der Tod selbst über die Maas gehaucht und sei nun weitergezogen. Wir hatten überlebt. Die Revanche hatte gehalten. Nur ein paar Planken fehlten, ein paar Taue waren gerissen. Aber wir lebten. Anders als viele andere. Seitdem, wenn der Wind auffrischt und der Himmel sich verdunkelt, höre ich sie wieder – die Schreie im Sturm, das Knarren der sinkenden Schiffe, das Winseln eines Hundes. Und ich sehe ihn wieder, den Teddy, der schweigend an uns vorbeitrieb. Ich war siebzehn. Und ich habe dem Tod ins Auge geblickt.
„Wenn sie sich biegt, bricht sie nicht“, murmelte er – aber seine Augen sagten etwas anderes.
Willi und die Wurmfarm – Ein Abenteuer, das keiner wollte
Also, das mit dem Ami-Truck zum Nürburgring – das war ja schon ein Kapitel für sich. Ein echtes Bollwerk auf Rädern, das Ding. Chrom blitzte, der V8 röhrte wie ein Löwe mit Zahnschmerzen, und wir fühlten uns wie die Kings of the Road. Bis... ja, bis wir mitten in der Eifel liegenblieben. Zack, aus die Maus. Der Ami hatte wohl Heimweh nach Texas. Zum Glück schleppte uns eine Spedition auf ihren Hof in Stadtkyll. Da standen wir nun – zwei Helden ohne Pferd, aber mit einem Haufen Zeit. Ich rief unseren Schwager Klaus an. Der meinte, er käme uns holen, aber das könne dauern. Zwei bis vier Stunden. Zwei bis vier Stunden! In Stadtkyll! Da ist ja selbst der Wind arbeitslos. Also erstmal zur Pommesbude. Currywurst, Pommes rot-weiß – das Übliche zur Stimmungsaufhellung. Danach ein Verdauungsspaziergang. Und dann sahen wir es: Ein Schild. Groß. Fett. Unübersehbar. „WURMFARM – Eintritt frei!“ Ich sag noch: „Lass uns lieber weitergehen.“ Aber mein Kumpel – neugierig wie ein Dackel auf Speed – meinte: „Ach komm, Willi, das wird bestimmt lustig.“ Lustig. Ja. Lustig wie Fußpilz. Kaum standen wir auf dem Hof, kam ein älterer Herr auf uns zu. Freundlich, aber mit diesem Blick, den man sonst nur von Staubsaugervertretern kennt. Ehe wir uns versahen, standen wir mitten auf seiner Farm – oder besser gesagt: auf einem hügeligen Pappkarton-Friedhof. Überall lagen Zeitungen, Pappe, und darunter... Würmer. Tausende. Millionen. Eine Armee in schleimiger Mission. Und dann kam der Satz, der mir bis heute Albträume beschert: „Wenn ihr schon mal da seid, könnt ihr ja gleich mit anpacken.“ Was folgte, war Zwangsarbeit light. Wir stapelten Pappe, hoben sie an, schauten auf zappelnde Würmer, hörten uns Vorträge über Wurmhumus, Wurmvermehrung und die große Zukunft der Wurmwirtschaft an. Der Mann redete, als hätte er einen Podcast mit seinen Würmern. Und wir? Wir schwitzten, fluchten leise und fragten uns, ob das hier ein versteckter Kameraschwindel war. Irgendwann, als der Wurmflüsterer gerade besonders begeistert von „Wurmtee“ schwärmte (frag nicht...), nutzten wir die Gelegenheit. Ein unbeobachteter Moment – und zack, waren wir weg. Raus aus dem Wurmparadies, rein in die Freiheit. Zurück auf der Straße, wo keine Pappe raschelt und keine Würmer glibbern. Als Klaus endlich kam, waren wir so erleichtert, als hätte er uns aus einem sibirischen Gulag (Arbeitslager) befreit. Auf der Heimfahrt sagten wir kein Wort – wir mussten das Erlebte erst verdauen. Aber danach? Danach wurde die Wurmfarm zur Legende.
„Weißt du noch, Willi, die Wurmfarm?“ „Sag das Wort nicht! Ich krieg sonst wieder Juckreiz!“ Und so wurde aus einem gestrandeten Ami-Truck ein Abenteuer, das wir nie vergessen – und eine Wurmfarm, die wir nie wiedersehen wollen. Nie. Nie wieder.
Wenn ihr schon mal da seid, könnt ihr ja gleich mit anpacken.
Was folgte, war Zwangsarbeit light.!
Willi und der flüchtige Gedanke!
Also, ich sag’s euch, meine Gedanken sind wie ein Rudel Karnickel auf Speed. Kaum taucht einer auf, hoppelt er auch schon wieder davon – zack, weg! Und ich steh da, mit dem Stift in der Hand, bereit, das nächste große Meisterwerk niederzuschreiben, und was passiert? Nix. Leere. Funkstille im Oberstübchen. Neulich zum Beispiel: Ich sitz gemütlich auf’m Balkon, die Sonne scheint mir auf die Glatze, der Kaffee dampft, und plötzlich – zack! – ein Geistesblitz! So ein richtiger Knaller! Ich denk: „Willi, das ist es! Das wird die Geschichte, die dich berühmt macht! Vielleicht ruft sogar das ZDF an!“ Ich greif nach dem Notizblock, such den Kuli – natürlich ist der leer – renn wie ein Bekloppter durch die Wohnung, finde endlich einen funktionierenden Stift, setz mich wieder hin… und? Nichts. Nada. Der Gedanke? Weg. Verschwunden wie ein Aal im Rhein. Dann sitz ich da und grübel. Was war das nochmal? Irgendwas mit dem alten Opel von Onkel Fritz? Oder war’s doch die Geschichte mit dem Campingkocher, der explodiert ist und mir die Augenbrauen versengt hat? Ich wühl mich durch meine Erinnerungen wie durch den Keller nach dem alten Raclette-Grill – und finde nix außer Spinnweben. Und das Schlimmste: Je mehr ich versuche, mich zu erinnern, desto mehr verhedder ich mich in meinem eigenen Hirn. Wie ein LKW-Fahrer, der rückwärts in eine enge Einfahrt rangieren will – ohne Spiegel, versteht sich. Irgendwann geb ich auf, klapp das Notizbuch zu und sag mir: „Ach komm, Willi, mach dir ’n Käffchen und guck, ob im Fernsehen wieder ’ne Doku über alte Dampfloks läuft.“ Aber tief in mir drin weiß ich: Der Gedanke war gut. Vielleicht sogar genial. Vielleicht war’s die Geschichte, die mich unsterblich gemacht hätte. Aber na ja – dann eben beim nächsten Mal. Vielleicht schreib ich mir dann einfach den Anfang auf den Handrücken. Oder ich tätowier ihn mir gleich auf den Unterarm. Sicher ist sicher!
Und ich steh da, mit dem Stift in der Hand, bereit,
das nächste große Meisterwerk niederzuschreiben, und was passiert? Nix. Nada. Leere.!
Zwei Kinder, ein halbes Schwimmbad und ein ganzes Herz!
Es war einmal ein Sommer, der nach Himbeereis, Mückenspray und frisch gemähtem Rasen roch. Ich, Willi, etwa zehn Jahre alt, mit einer Frisur, die irgendwo zwischen „vom Wind geformt“ und „selbst gemacht“ lag, saß neben meiner Schwester Ulli – ein Jahr jünger, aber mindestens doppelt so frech – am Rand unseres zukünftigen Gartenteich-Schwimmbad-Irgendwas. Das Becken war im Rohbau. Beton, Staub, ein paar Eimer, die aussahen, als hätten sie schon den Zweiten Weltkrieg überlebt. Die „Treppe“, auf der wir saßen, war eher eine Idee von einer Treppe – angedeutet, wie man so schön sagt. Aber für uns war es das Paradies. Ein Ort, an dem man mit nackten Füßen in den Mörtel treten konnte, ohne dass jemand schimpfte. Na gut, außer Papa. Da saßen wir also, nebeneinander, die Beine baumelnd, die Sonne im Gesicht und die Zukunft noch so weit weg wie der nächste Mathetest. Die Kamera klickte, und wir schauten beide hinein, als wüssten wir: Dieses Bild wird mal wichtig. Vielleicht nicht für die Weltgeschichte, aber für unsere ganz persönliche.
Das Foto ist heute etwas abgegriffen – wie wir selbst, wenn wir ehrlich sind. Ein paar Kratzer, ein paar Ecken fehlen. Aber man erkennt uns noch. Zwei Kinder mit großen Augen und noch größeren Träumen. Damals waren wir unzertrennlich. Ulli und ich – ein Team wie Dick und Doof, nur mit mehr Matsch und weniger Hüte. Wenn ich das Bild heute anschaue, frage ich mich: Wo ist die Zeit geblieben? Wann ist aus dem halben Schwimmbad ein Blumenbeet geworden? Wann ist aus dem kleinen Willi ein Mann mit Erinnerungen und einem Hang zur Nostalgie geworden? Und doch – dieses Foto katapultiert mich zurück. In eine Zeit, in der ein unfertiges Becken reichte, um das größte Abenteuer zu erleben. In der ein Blick in die Kamera bedeutete: „Das hier ist unser Moment.“ Und weißt du was? Es war der beste Moment überhaupt.
Die „Treppe“, auf der wir saßen, war eher eine Idee von einer Treppe
– angedeutet, wie man so schön sagt.
Willi wird Radprofi – jetzt aber wirklich!
Es musste ja so kommen. Irgendwann. Ich hab’s ja immer gewusst. Tief in mir drin. Schon als kleiner Junge, als ich mit dem Bonanzarad durch die Walsumer Siedlung gebrettert bin, wusste ich: Ich bin geboren für Größeres. Und jetzt, mit der nötigen Reife, der inneren Klarheit und – ja, auch mit einem gewissen Bauchumfang – ist der Moment gekommen: Ich werde Profiradrennfahrer. Lacht ruhig. Ich meine das todernst. Ich habe lange mit mir gerungen. Habe mich gegen meine Berufung gewehrt wie ein Aal gegen die Pfanne. Aber irgendwann muss man aufhören, sich selbst zu belügen. Wenn der Körper ruft – und meiner ruft laut, besonders morgens beim Aufstehen – dann muss man hören. Und mein Körper sagt: Willi, du bist ein Rennrad-Tier. Ein Muskelpaket auf zwei Rädern. Ein fliegender Walsumer. Also habe ich angefangen zu trainieren. Und zwar richtig. Keine halben Sachen. Morgens um sieben sitze ich auf dem Sattel, der Hintern schmerzt zwar wie nach einem Ritt durch die Eifel, aber das ist der Preis der Größe. Ich fahre durch die Rheinauen, gegen den Wind, gegen die Müdigkeit, gegen die skeptischen Blicke der Spaziergänger mit ihren Dackeln. Ich schwitze, ich schnaufe, ich fluche – aber ich trete. Und wie ich trete! Neulich habe ich sogar einen E-Bike-Fahrer überholt. Gut, er war 84 und hatte den Turbo nicht eingeschaltet, aber das zählt trotzdem. Ich habe ihm freundlich zugewunken, während ich an ihm vorbeizog wie ein gelber Blitz. Tour de France, ich komme! Und weil ich weiß, dass der Ruhm nicht lange auf sich warten lässt, habe ich schon mal vorgesorgt. Eine Villa muss her. Groß, mit Platz für Pokale, Medaillen und natürlich für Gäste. Man weiß ja nie, wer alles vorbeischaut, wenn man erst mal im Fernsehen ist. Vielleicht kommt ja sogar der Bürgermeister von Duisburg zur Einweihung. Oder Jan Ullrich. Oder beide. Ich sag’s euch: Die goldenen Zeiten brechen an. Und wenn ihr mich das nächste Mal seht – mit Sonnenbrille, eng anliegendem Trikot und Waden wie aus Granit – dann wisst ihr: Der Willi hat’s geschafft. Ach ja – KI lässt auch schön grüßen.
Also habe ich angefangen zu trainieren. Und zwar richtig. Keine halben Sachen.
Willi und der „Braune – Ein Reitertraum wird wahr
Es war einmal ein kleiner Junge mit großen Träumen – und dieser Junge war ich. Während andere Kinder Cowboy und Indianer spielten oder mit Matchbox-Autos durch den Sandkasten rasten, saß ich gebannt vor dem Fernseher. Denn da lief sie: „Fury“ – der schwarze Hengst mit mehr Charakter als so mancher Zweibeiner. Woche für Woche galoppierte er durch die Prärie meines Herzens, und ich wusste: Eines Tages, Willi, wirst du auch so ein Pferd haben!
Gut, es hat ein paar Jahrzehnte gedauert. Und nein, mein Pferd ist nicht schwarz. Es ist braun. Einfach braun. Und deshalb heißt es auch – ganz kreativ – „Brauner“. Warum kompliziert, wenn’s auch einfach geht? Ich wollte ja kein Rennpferd, kein Zirkuspferd, kein Instagram-Influencer-Pony. Ich wollte mein Pferd. Und jetzt hab ich’s. Seitdem reite ich täglich durch Walsum. Morgens durch die Friedrich-Ebert-Straße, mittags am Rhein entlang, abends ein kleiner Galopp über den Marktplatz – Walsum ist mein Wildwesten, und ich bin der Sheriff mit Hut (wahlweise auch mit Fahrradhelm, je nach Wetterlage). Die Leute schauen, winken, lachen – oder rufen: „Willi, biste jetzt völlig durchgeknallt?“ Und ich winke zurück, stolz wie ein Cowboy auf seinem Mustang. Nur dass mein Mustang eben ein Brauner ist. Und manchmal ein bisschen müde. Natürlich gibt’s auch Herausforderungen. Pferdeäpfel auf dem Gehweg? Kein Problem – ich sag einfach, das sei ein neues Bio-Dünger-Projekt der Stadt. Verkehrsregeln? Ich hab mir extra ein Hufeisen mit Blinker gekauft. Und wenn jemand fragt, ob das überhaupt erlaubt ist, sag ich nur: „Fragen Sie die KI – die hat’s mir empfohlen!“Also, liebe Leute: Wenn ihr demnächst einen leicht ergrauten Reiter auf einem gemütlich trottenden Braunen durch Walsum ziehen seht – das bin ich. Willi, der letzte Cowboy vom Niederrhein. Winkt ruhig, ich winke zurück. Und wenn ihr Glück habt, wiehert der Braune sogar. Ach ja – KI lässt auch schön grüßen. Sie sagt, ich soll öfter reiten. Das sei gut für die Haltung. Und für die Nachbarschaft.
Es war einmal ein kleiner Junge mit großen Träumen – und dieser Junge war ich.
Der Aufstand der Tretroller-Rentner
Es begann an einem Dienstagmorgen, als der Kaffee besonders stark und der Rücken besonders steif war. Ich stand am Fenster, blickte auf die Straße und dachte: „Na, ob ich heute noch bis zum Bäcker komme, ohne dass mir die Knie protestieren?“ Die Schallmauer der 70 war längst durchbrochen – mit einem lauten Wusch, versteht sich – und die Wege, die früher ein Spaziergang waren, fühlten sich inzwischen an wie eine Alpenüberquerung. Da fiel mein Blick auf ein glänzendes Etwas im Schaufenster des kleinen Ladens an der Ecke. Ein Tretroller. Kein Kinderkram, sondern ein richtiges Gefährt für Erwachsene. Mit breiten Reifen, stabilem Trittbrett und sogar einer kleinen Klingel, die klang wie ein fröhliches „Pling!“. Ich trat ein, probierte ihn aus – und zack, war’s um mich geschehen. Seitdem bin ich unterwegs. Nicht mehr nur Rentner, sondern Rollerpilot. Der Wind weht mir um die Ohren, die Nachbarn winken, und ich winke zurück – mit einer Mischung aus Stolz und kindlicher Freude. Der Weg zum Supermarkt? Ein Klacks. Der Besuch beim Kumpel zwei Straßen weiter? Ein Abenteuer. Und wenn ich an der Ampel neben einem Jugendlichen mit E-Scooter stehe, dann grinst er – und ich grinse zurück. Denn ich trete noch selbst. Mit Stil. Mit Würde. Und mit einem leichten Ziehen in der Wade. Ich sehe uns alle schon: eine ganze Generation auf Rädern. Keine grauen Mäuse, sondern bunte Vögel auf Tretrollern. Wir gleiten durch die Straßen, erzählen Geschichten von früher, lachen über die Gegenwart und zeigen der Welt, dass Alter keine Bremse ist – höchstens eine Klingel. Also, wenn ihr mich das nächste Mal seht, wie ich mit meinem Roller durch Walsum sause, dann ruft mir ruhig zu: „Mach Platz, da kommt der Silberflitzer!“ Und wer weiß – vielleicht tretet ihr ja bald mit.Ach ja – KI lässt auch schön grüßen.
Seitdem bin ich unterwegs.
Nicht mehr nur Rentner, sondern Rollerpilot.
Das Mofa des Grauens – oder: Wie ich lernte, den Kickstarter zu fürchten
Es war irgendwann um 1981 oder 1982, als ich meinte, ein echtes Schnäppchen gemacht zu haben. Für schlappe 250 D-Mark zog bei uns ein Mofa ein – ein knatterndes, rostig-glänzendes Etwas, das auf den klangvollen Namen „Starflite“ hörte. Oder besser gesagt: hören sollte. Denn hören tat man von ihr meistens – nichts. Rosi hatte große Pläne mit dem Ding. Morgens mit dem Mofa zum Kindergarten düsen, elegant an den anderen Müttern vorbeizuckeln, vielleicht sogar mit wehenden Haaren im Fahrtwind. Tja, Pustekuchen! Stattdessen stand sie jeden Morgen fluchend im Hof, während das Mofa stumm wie ein bockiger Esel blieb. Kein Mucks, kein Knattern, kein gar nichts. Nur ein trotziges Schweigen aus dem Auspuff. Ich, der große Schrauber vor dem Herrn, griff dann zur Zündkerze. Raus damit, sauber machen, wieder rein. Dann Antreten. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Irgendwann – meist nach dem dritten Schweißausbruch – röchelte das Biest los, als hätte es gerade einen halben Liter Altöl inhaliert. Und dann fuhr es. Also… irgendwie. Es war mehr ein Hoppeln, ein Röcheln, ein „Ich-will-ja-aber-kann-nicht“-Gekurke. So ging das tagelang. Wochenlang. Jeden Morgen das gleiche Theater. Rosi verlor langsam die Geduld, ich den Glauben an die Technik. Und das Mofa? Das verlor… eigentlich gar nichts. Es hatte ja nie wirklich was zu bieten.
Irgendwann war Schluss. Das Mofa musste weg. Ein Käufer fand sich – ein Typ mit leuchtenden Augen, der meinte: „Ach, das Modell kenn ich! Hab schon ein paar davon. Ich zerleg die und stell sie in mein Museum.“ Museum! Ich dachte, der will uns veräppeln. Aber nein, der war wirklich glücklich. Und wir? Wir waren es auch. Endlich war das Kapitel „Starflite“ abgeschlossen. Seitdem gilt bei uns zu Hause ein ungeschriebenes Gesetz: Eine Startpleite kommt uns nicht mehr unter den Hintern! Rosi fährt jetzt Auto – mit Zündschlüssel statt Zündkerzenschlüssel. Und ich? Ich schau Mofas nur noch aus sicherer Entfernung an. Mit leichtem Zittern im Bein.
Nur ein trotziges Schweigen aus dem Auspuff.
Ich, der große Schrauber vor dem Herrn, griff dann zur Zündkerze.
Wenn die Zeit leiser wird!
Es gibt Tage, da sitzt man einfach nur da, schaut aus dem Fenster, und plötzlich ist sie wieder da – die Erinnerung. Nicht laut, nicht aufdringlich. Eher wie ein alter Freund, der sich leise neben dich setzt und sagt: „Weißt du noch?“ Ich habe gelernt, dass Erinnerungen nicht nur Geschichten sind, die man anderen erzählt. Sie sind auch Geschichten, die man sich selbst erzählt, um nicht zu vergessen, wer man war – und wer man geworden ist. Manchmal frage ich mich: Wenn ich all das nicht aufschreibe, wer wird sich dann noch daran erinnern, wie es war, als die Maschinen in der Papierfabrik liefen wie ein Uhrwerk? Oder wie es klang, wenn der Goldwing-Motor auf der Landstraße aufheulte, als wollte er sagen: „Komm, wir fahren noch ein Stück weiter.“ Vielleicht ist das hier mein Versuch, der Zeit ein Schnippchen zu schlagen. Ihr zu zeigen: Du kannst mir die Haare grau färben, mir Namen entwischen lassen, aber du nimmst mir nicht, was ich erlebt habe. Nicht, solange ich es aufschreibe. Nicht, solange ich es fühlen kann. Und wenn ich mich wiederhole – nun ja, vielleicht ist das nicht nur ein Zeichen des Alters. Vielleicht ist es auch ein Zeichen dafür, dass manche Dinge einfach zu wichtig sind, um sie nur einmal zu erzählen.
Vielleicht ist das hier mein Versuch,
der Zeit ein Schnippchen zu schlagen.
Warum schreibe ich?
Vielleicht schreibe ich all das nicht nur für mich. Vielleicht schreibe ich es, weil Erinnerungen wie kleine Anker sind in einem Meer, das sich ständig verändert. Weil ich spüre, wie die Zeit mir leise durch die Finger rinnt, wie vertraute Gesichter verblassen und Orte, die einst voller Leben waren, heute still geworden sind. Ich schreibe, weil ich nicht will, dass das, was war, einfach verschwindet – als hätte es nie existiert. Es sind nicht nur die großen Momente, die zählen. Es sind die kleinen, unscheinbaren Augenblicke – ein Lachen am Lagerfeuer, der Geruch von frischem Papier in der Fabrik, das Brummen eines alten Motors auf der Landstraße. Auch die schweren Stunden, die uns geformt haben, verdienen ihren Platz. Denn sie erzählen, wer wir wirklich sind. Und wenn ich mich wiederhole, dann vielleicht, weil manche Erinnerungen so tief sitzen, dass sie nicht loslassen – oder weil ich Angst habe, dass sie es doch irgendwann tun. Vielleicht ist das hier mein Versuch, der Vergänglichkeit ein Schnippchen zu schlagen. Ein stiller Protest gegen das Vergessen. Denn irgendwann werde ich diese Zeilen lesen – und mich selbst darin wiederfinden. Und vielleicht werde ich dann lächeln. Oder seufzen. Oder einfach nur still nicken. Aber ich werde wissen: Es war nicht umsonst.
Auch die schweren Stunden, die uns geformt haben,
verdienen ihren Platz. Denn sie erzählen, wer wir wirklich sind.
Mit Harri auf großer Silage-Tour nach Alpen
Es war ein frischer Oktobermorgen im Jahr 2015, als ich Harri fragte, ob er nicht mal mitkommen wolle auf eine meiner Touren. „Maissilage fahren“, sagte ich. „Nix Spektakuläres, aber du kommst mal raus und siehst was von der Gegend.“ Harri, wie er war, ließ sich nicht lange bitten. „Klar, Willi, ich komm mit!“, grinste er, schnappte sich seine Jacke und stieg ein.Wir fuhren raus Richtung Rhede, genauer gesagt irgendwo zwischen Rhede und Burlo, wo ein Bauernhof lag, der uns mit Maissilage für die Biogasanlage der Firma Hoogen in Alpen beliefern sollte. Ich war zu der Zeit als Fahrer bei der Firma Hoogen aus Alpen eingestellt – eine ruhige, aber ehrliche Arbeit. Und wenn man wie ich das Fahren liebt, dann ist so eine Tour durch die niederrheinische Landschaft fast schon Erholung.Als wir auf dem Hof ankamen, war noch nichts los. Der Mais dampfte noch leicht in der Morgensonne, und der Radlader, der uns beladen sollte, war noch nicht in Sicht. Also hieß es: warten. Harri nutzte die Gelegenheit, sich auf die Trittstufe meines LKWs zu setzen. Ich begann, die Thermoskanne aufzuschrauben und uns einen Kaffee einzuschütten. Während wir da so saßen, erzählte ich ihm von der Strecke nach Alpen. „Geht über Wesel, dann runter Richtung Sonsbeck, und dann ist da so ein kleiner Weg, der direkt zur Anlage der Firma Hoogen führt. Musst aufpassen, dass du nicht den Abzweig verpasst – ist nur ein kleines Schild, und wenn du’s verpasst, darfst du schön wenden mit 40 Tonnen.“ Harry schüttelte den Kopf. Irgendwann kam der Radlader dann doch noch angerollt, ein alter, aber zuverlässiger Koloss. Der Fahrer kannte mich schon, winkte kurz und legte los. Die Schaufel tauchte in den dampfenden Maisberg, hob die goldgelbe Masse an und ließ sie mit einem dumpfen Plumps in den Auflieger fallen. Harry stand daneben, die Hände in den Taschen, und staunte. „Das ist also Maissilage“, sagte er. „Sieht aus wie gehäckselter Goldstaub.“ Ich grinste. „Riecht aber anders.“Als wir endlich voll waren, machten wir uns auf den Weg. Die Fahrt nach Alpen war ruhig, die Felder zogen an uns vorbei, und Harri war beeindruckt, wie entspannt so eine Tour sein konnte – wenn man den Verkehr mal ausklammert. In Alpen angekommen, wurden wir direkt zur Biogasanlage durchgewunken. Die Jungs dort warteten schon, wussten, dass ich sauber ablade und keine Sauerei hinterlasse. Nach dem Abladen gab’s noch einen kurzen Plausch mit den Leuten vor Ort, dann ging’s zurück Richtung Rhede. Harry war begeistert. „Willi“, sagte er, „das war vielleicht keine große Abenteuerreise, aber irgendwie war’s genau das Richtige. Frische Luft, ehrliche Arbeit und ein bisschen Landluft in der Nase.“ Ich nickte. Manchmal sind’s eben die einfachen Dinge, die einem im Gedächtnis bleiben. Und so wurde aus einer ganz normalen Silage-Tour ein Tag, an den wir beide noch lange mit einem Lächeln zurückdenken.
Die Schaufel tauchte in den dampfenden Maisberg,
hob die goldgelbe Masse an und ließ sie mit einem dumpfen Plumps in den Auflieger fallen.
Von der kleinen Wilden zum brüllenden Biest – Mein Umstieg auf die Yamaha XJ600
Also, nachdem ich mich schweren Herzens von meiner geliebten Virago getrennt hatte – du erinnerst dich, die mit dem Kardanantrieb und dem Herz aus Chrom – stand ich da. Motorradlos. Ein Zustand, der für einen wie mich ungefähr so angenehm ist wie ein Campingurlaub ohne Bier. Es musste also was Neues her. Etwas Größeres. Etwas mit mehr Bums. Etwas, das nicht nur schnurrt, sondern brüllt. Und da stand sie: die Yamaha XJ600. 73 PS. Vier Zylinder. Ein Sound, als würde ein Rudel wütender Hornissen in einen Blecheimer treten. Ich sah sie und wusste: Das ist kein Motorrad. Das ist ein Versprechen. Ein Versprechen auf Geschwindigkeit, Freiheit – und Rückenschmerzen, wenn man’s übertreibt. Der erste Ritt? Unvergesslich. Ich hatte gerade den Kaufvertrag unterschrieben, Helm auf, Handschuhe an, Schlüssel rumgedreht – und zack, da war sie wach. Ich leg den ersten Gang ein, geb vorsichtig Gas… und dann? Dann hab ich mich fast rückwärts vom Bock katapultiert! Ich schwöre, hätte ich nicht so fest zugepackt, ich wär wie ein nasser Sack auf dem Asphalt gelandet. Die XJ hat mich angeschrien: „Na, Opa, wach auf! Ich bin keine Virago!“ Aber ich hab mich nicht unterkriegen lassen. Nach ein paar Runden um den Block, bei denen ich mehr geschwitzt hab als beim Schichtwechsel an der Streichmaschine 4, hatte ich sie im Griff. Und dann ging’s los: Touren, die weiter, schneller, lauter waren. Die Grafenmühle war plötzlich nur noch ein Aufwärmprogramm. Ich fuhr bis in die Niederlande,dann an den Rhein entlang, manchmal einfach nur, um zu hören, wie der Auspuff durch die Unterführungen dröhnt. Musik für die Seele!
Aber weißt du, was das Beste war? Dieses Gefühl, wenn du auf der Landstraße bist, die Sonne im Rücken, der Wind zerrt an der Jacke, und du weißt: Jetzt zählt nur der Moment. Kein Werksschichtplan, kein Termindruck, kein „Willi, kannst du mal eben…?“ – nur du, die Maschine und der Horizont.
Natürlich, irgendwann kam auch für die XJ die Zeit, weiterzuziehen. Aber sie hat mir gezeigt, dass man manchmal einfach einen Gang höher schalten muss – im Leben wie auf der Straße. Und wenn ich heute an sie denke, dann mit einem breiten Grinsen und einem leisen Piepen im Ohr vom Auspuffknattern.
Ein Sound, als würde ein Rudel wütender Hornissen in einen Blecheimer treten.
Die kleine Wilde – Meine Zeit mit der Yamaha Virago
Ach ja, die Virago… Wenn ich die Augen schließe, höre ich noch heute ihr kehliges Brummen, wie sie sich durch die Straßen von Walsum schnurrte, als wär’s ein Kätzchen mit ordentlich Pfeffer im Hintern. Gekauft hab ich sie damals, so Mitte der Neunziger, vom Fred Colins. Der Fred – Personalchef bei Haindl Papier – ein Mann mit mehr Krawatten als Haare auf dem Kopf, aber ein Herz für Maschinen hatte er. Und als er mir die Virago anbot, da hat’s bei mir gleich gekribbelt. 34 PS hatte sie, die Kleine. Und einen Kardanantrieb – das war für mich damals wie ein Ritterschlag. Kein Kettenschmieren, kein Gefummel. Einfach draufsetzen, starten, losdüsen. Und wie sie fuhr! Die war flink wie ein Wiesel auf Koffein. Ich erinnere mich noch an die erste Tour zur Grafenmühle – ich kam an, stieg ab, und ein Typ mit einer Harley guckt mich an und sagt: „Na, ist das die kleine Schwester vom Staubsauger?“ Ich hab nur gegrinst, denn ich wusste: Die Virago mag klein sein, aber sie hatte Charakter. Und sie hat mich nie im Stich gelassen.
Wir sind viel rumgekommen, sie und ich. Zum Auesee nach Wesel, durch die Felder bei Dinslaken, manchmal einfach nur der Sonne hinterher. Ich hab sie geputzt wie ein Juwel, hab ihr sogar einen kleinen Aufkleber mit einem Adler auf den Tank geklebt – sah ein bisschen aus wie ein Mini-Chopper für Leute mit Rückenproblemen. Aber, und das ist der Lauf der Dinge, je öfter ich mit ihr unterwegs war, desto öfter dachte ich: „Willi, entweder wirst du größer – oder die Maschine schrumpft.“ Ich kam mir irgendwann vor wie ein Bär auf einem Dreirad. Die Knie fast an den Ohren, der Rücken krumm wie ein Fragezeichen. Und wenn ich dann an der Ampel stand, neben so einem Typen mit einer fetten BMW oder einer Goldwing, dann hab ich mich gefühlt wie der kleine Bruder, der mit Papas Helm auf dem Bobbycar sitzt. Also hab ich schweren Herzens Abschied genommen. Die Virago kam in gute Hände – ein junger Kerl, der sie mit leuchtenden Augen abgeholt hat. Ich hab ihm noch gesagt: „Pass gut auf sie auf. Sie ist klein, aber sie hat Feuer.“ Und dann… dann kam die Yamaha XJ600. 73 PS. Ein Biest im Vergleich. Aber das, mein Freund, ist eine andere Geschichte. Die Virago bleibt für mich wie der erste Kuss – nicht perfekt, aber unvergesslich. Und manchmal, wenn ich an einem warmen Sommerabend durch Walsum spaziere und irgendwo in der Ferne ein leises, vertrautes Brummen höre, dann lächle ich. Vielleicht ist sie’s ja. Und vielleicht denkt sie auch an mich.
Ich hab sie geputzt wie ein Juwel,
hab ihr sogar einen kleinen Aufkleber mit einem Adler auf den Tank geklebt.
Willi erzählt: Vom Loslassen und Freiwerden!
Ich weiß noch, wie ich früher alles festhalten wollte. Dinge, Erinnerungen, Werkzeuge, alte Fotos, sogar rostige Schrauben, die „vielleicht irgendwann nochmal nützlich sein könnten“. Ich war LKW-Fahrer, Matrose, Baggerführer — ein Mann, der wusste, wie man zupackt. Und genauso habe ich auch mein Leben geführt: festhalten, sichern, bewahren. Aber irgendwann, da habe ich gemerkt, dass das Festhalten mich müde macht. Nicht körperlich — das bin ich gewohnt. Sondern innerlich. Es war, als würde ich einen Rucksack tragen, der mit jedem Jahr schwerer wurde. Nicht mit Steinen, sondern mit Dingen, die längst ihren Sinn verloren hatten. Ich habe angefangen, loszulassen. Erst kleine Sachen: ein altes Motorrad, das ich nicht mehr fahren konnte. Dann größere: Erwartungen, Enttäuschungen, sogar manche Träume, die nicht mehr zu mir passten. Und weißt du was? Es tat weh. Aber es war auch befreiend. Ich habe verstanden: Nur wenn du dich von deinen Abhängigkeiten löst, kannst du wirklich frei sein. Materielle Güter sind zum Benutzen da — nicht zum Festhalten. Alles, was du nicht loslassen kannst, obwohl es dir nichts mehr bringt, besitzt dich. Nicht du es. Heute bin ich älter. 1952 geboren, mit einem Leben voller Geschichten. Ich habe viel gehabt, viel verloren, und noch mehr gelernt. Und ich weiß jetzt: Freiheit beginnt nicht mit dem, was du hast, sondern mit dem, was du bereit bist loszulassen. Ich sitze oft am Rhein, höre die Schiffe, spüre den Wind. Und ich denke: Ich bin frei. Nicht, weil ich nichts mehr habe — sondern weil ich nichts mehr festhalten muss, das mich zurückhält.
Aber irgendwann, da habe ich gemerkt, dass das Festhalten mich müde macht.
❤️78 Jahre voller Geschichten, Lachen und Liebe.❤️
Du hast uns beigebracht, wie man lebt –
und wie man loslässt.
Mama, du hast uns alles gegeben –
deine Zeit, deine Kraft, dein Herz.
Dein Leben war Liebe, Fürsorge und Stärke.
Wir vermissen dich unendlich.
Du bleibst für immer in unseren Herzen.
Irgendwann sehen wir uns wieder.
❤️Irgendwann sehen wir uns wieder❤️
Willi erzählt: Wenn der Morgen kommt!
Es gibt diese Morgen, die sich nicht einfach nur wie ein neuer Tag anfühlen. Sie sind mehr. Sie sind Erinnerung, Gefühl, Heimat. Und manchmal, wenn ich früh wach bin – noch bevor Duisburg richtig aufwacht –, dann zieht es mich runter zum Wasser. Zum Rhein, auch wenn es nur in meinen Gedanken geschieht. Ich stehe da, die Hände tief in den Taschen, und sehe zu, wie der Nebel langsam über die Oberfläche kriecht. Ganz still, fast ehrfürchtig. Der Fluss atmet. Und ich atme mit. Es ist dieser Moment, in dem alles andere leiser wird. Die Gedanken, die Sorgen, die Zeit. Nur der Rhein spricht — mit seinem Geruch, seinem Klang, seiner Geschichte. Der Geruch des Wassers liegt in der Luft. Nicht unangenehm, nein — vertraut. Er erinnert mich an die Zeit auf dem Rhein, an die Schleppschiffe, an das Leben als Matrose. Ich höre die Schiffe aus der Ferne, ihr tiefes Brummen, das sich durch den Nebel schiebt wie eine alte Melodie. Und ich weiß: Ich bin zu Hause. Nicht in einem Haus aus Stein, sondern in einem Gefühl. In einer Erinnerung, die sich nicht abnutzt. In einem Ort, der mich kennt, auch wenn ich mich manchmal selbst nicht ganz erkenne. Der Rhein war immer da. Als ich jung war, als ich gearbeitet habe, als ich geliebt habe, als ich gelitten habe. Und er ist jetzt noch da – ruhig, beständig, ehrlich. In solchen Momenten möchte ich nie wieder gehen. Nicht weg von hier, nicht weg von mir. Ich möchte bleiben, einfach stehen und dem Fluss zuhören. Denn er erzählt mir, dass alles gut ist. Dass ich angekommen bin. Dass Heimat nicht nur ein Ort ist, sondern ein Gefühl, das sich im Nebel zeigt, im Wasser spiegelt und im Klang der Schiffe lebt.
Ich höre die Schiffe aus der Ferne, ihr tiefes Brummen,
das sich durch den Nebel schiebt wie eine alte Melodie.
Willis Höllenritt zum Nürburgring – Ein Abenteuer mit meinem Sohn
Es war irgendwann Anfang der 80er, ich glaube 1985, als ich bei der Firma Hartung in Walsum als LKW-Fahrer angestellt war. Eines Tages kam der Disponent auf mich zu und fragte ganz beiläufig: „Willi, hast du am Wochenende Zeit, mit einem amerikanischen Truck zum Nürburgring zu fahren?“ Ich runzelte die Stirn. Ein Ami-Truck? Zum Nürburgring? Das klang nach einem Abenteuer – und ich war sofort dabei. Der Truck gehörte einem Bekannten von mir, einem echten Original. Das Problem: Er hatte keinen Führerschein. Aber er hatte große Pläne. Er wollte seinen Truck, vollgeladen mit Bier, direkt am Nürburgring als fahrbare Kneipe aufstellen und dort das kühle Blonde an die Motorsport-Fans bringen. Ich sagte zu – warum auch nicht? Als der Besitzer mich dann sah, wie ich da stand, bereit zum Aufbruch, fiel ihm fast die Kinnlade runter. Er hatte wohl mit allem gerechnet, nur nicht mit mir.Am Wochenende ging’s los. Ich nahm meinen Sohn mit – das sollte unser gemeinsames Abenteuer werden. Und ein Abenteuer wurde es, das kann ich euch sagen. Kaum waren wir unterwegs, fing der Besitzer an, sich einen hinter die Binde zu kippen. Während ich also den riesigen Truck durch die Eifel lenkte, saß er daneben und wurde immer betrunkener. Ich dachte mir noch: „Das kann ja heiter werden.“ Und dann kam’s, wie’s kommen musste. Irgendwo mitten in der Eifel machte das Getriebe schlapp. Einfach so. Kein Vortrieb mehr, kein Rückwärtsgang – nichts. Ich stieg aus, schaute mir das Ganze an und merkte schnell: Da war kein Tropfen Öl im Getriebe. Der Besitzer hatte wohl auf seinem Hof das Öl abgelassen, um es zu wechseln – aber vergessen, neues einzufüllen. „Super gemacht“, dachte ich nur.Da standen wir nun, mitten auf der Landstraße, der Truck tot, der Besitzer betrunken, mein Sohn und ich ratlos. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam ein LKW einer örtlichen Spedition vorbei. Der Fahrer hatte Mitleid mit uns und zog uns mit einer Abschleppstange auf seinen Hof. Ich war heilfroh.Für mich und meinen Sohn war das der Moment, an dem wir beschlossen: Das war’s. Wir verabschiedeten uns von dem ganzen Irrsinn. Während wir auf unseren Schwager Klaus-Dieter warteten, der uns abholen sollte, passierten noch ein paar kuriose Dinge – aber die erzähle ich euch ein andermal. Sonst lacht ihr euch jetzt schon schlapp.
Der Besitzer hatte wohl auf seinem Hof das Öl abgelassen,
um es zu wechseln – aber vergessen, neues einzufüllen.
Der weiße Ölfresser – eine Liebeserklärung auf vier Rädern
Ach ja, mein alter Mercedes 190D, Baujahr '64, in strahlendem Weiß – ein rollender Traum auf vier Rädern, der mehr Öl schluckte als ein alter Frachter auf hoher See. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er da stand, als ich ihn für 1.200 Mark von einem windigen Autohändler auf der B8 in Hamborn erstand. Ein echtes Schnäppchen, dachte ich. Und was für ein Anblick! Chromblitzend, mit dem Stern stolz auf der Haube – ein Auto wie aus dem Bilderbuch. Mit ihm begann eine Zeit voller kleiner Fluchten. Rosi, meine Liebste, und ich – wir tuckerten sonntags zur Grafenmühle oder machten uns auf den Weg nach Wesel an den Rhein. Fenster runter, Radio an, der Duft von Diesel und Freiheit in der Nase. Es war nicht wichtig, wohin wir fuhren – Hauptsache, wir fuhren. Und der Mercedes? Der schnurrte wie ein Kätzchen. Naja, ein sehr durstiges Kätzchen.
Denn irgendwann fiel es mir auf: Der Wagen verbrauchte mehr Öl als Diesel. Kein Scherz. Eine Fahrt nach Wesel an den Badesee, und ich musste fast einen halben Liter Öl nachkippen. Diesel? Kaum der Rede wert. Ich hätte fast überlegt, ob ich nicht gleich Öl tanken sollte – wäre vielleicht günstiger gewesen. Irgendwann war Schluss mit lustig. So schön die Karre auch war – mein Portemonnaie weinte bei jedem Ölwechsel. Also stellte ich ihn zum Verkauf. Wochenlang tat sich nichts. Bis dann zwei junge Damen auftauchten – Führerschein frisch in der Tasche, den Blick voller Abenteuerlust. Sie bestaunten den Wagen wie ein Museumsstück. Ich sagte ihnen klipp und klar: „Der frisst Öl wie andere Leute Pommes.“ Aber das störte sie nicht. „Unser Vater regelt das“, meinten sie nur. Na gut, dachte ich, dann viel Spaß beim Nachkippen. Im Kaufvertrag vermerkte ich fein säuberlich: „Motor verbraucht Öl – viel.“ Und dann zockelten die beiden mit dem weißen Stern davon, als hätten sie gerade einen Schatz gehoben. Ich stand da, ein bisschen wehmütig, ein bisschen erleichtert – und ein kleines bisschen neidisch. Denn so ein Auto, das vergisst man nicht. Der weiße Ölfresser war mehr als nur ein Fortbewegungsmittel. Er war ein Stück Freiheit, ein fahrendes Wohnzimmer, ein treuer Begleiter – mit einem kleinen Öldurst, der ihn irgendwie liebenswert machte. Manchmal, wenn ich heute an der B8 vorbeifahre, meine ich, ihn noch zu sehen. Wie er da steht, mit einem Ölfleck unter dem Bauch und dem Stern in der Sonne glänzend. Und ich denke mir: Vielleicht hätte ich ihn doch behalten sollen. Aber dann fällt mir ein, wie oft ich Öl nachgefüllt habe – und ich lache. Wehmut und Witz, Hand in Hand. So war er eben, mein Mercedes.
Ich sagte ihnen klipp und klar: „Der frisst Öl wie andere Leute Pommes.“
Willi und die letzte Fahrt der Goldwing
Es war ein frostiger Januarmorgen im Jahr 2002, als Willi seine schwere Lederjacke überzog, den Helm aufsetzte und seine treue Honda Goldwing 1200 Interstate aus der Garage rollte. Die Sonne kämpfte sich gerade durch den Dunst über Walsum, als der satte Klang des Vierzylinders die Stille durchbrach. Ziel: das Wasserschloss in Raesfeld – und vielleicht, wenn die Laune es zuließ, ein Abstecher nach Winterswijk in die Niederlande, zu jenem alten Campingplatz, der so viele Erinnerungen barg. Die Maschine schnurrte wie ein Kätzchen, als Willi über Wesel Richtung Raesfeld glitt. Die Straßen waren leer, die Luft klar, und der mitgebrachte Kaffee schmeckte in der winterlichen Stille vor dem Schloss besonders gut. Ein perfekter Moment – nur Willi, seine Goldwing und die Straße. Nach der Pause ging es weiter Richtung Bocholt. Die Grenze bei Hemden war schnell überquert, und bald schon bog Willi rechts ab – zum Hof von Breuking, dem alten Campingplatz. Dort hielt er kurz inne, ließ die Erinnerungen an vergangene Sommer aufleben. Doch als er wieder aufsteigen wollte, passierte das Undenkbare: Die Goldwing gab keinen Mucks mehr von sich. Die Batterie – leer. Einfach so.Ein Kloß bildete sich in Willis Magen. Allein, mitten im Nirgendwo, mit einer Maschine, die fast 400 Kilo wog. Doch Aufgeben war nie eine Option. Also schob er das Motorrad – Meter für Meter, Minute um Minute. Nach einer gefühlten Ewigkeit traf er auf einen Straßenarbeiter, der nicht zögerte, ihm zu helfen. Mit einem kräftigen Schub sprang die Goldwing an – und Willi winkte dankbar, ohne anzuhalten, denn ein erneutes Abstellen hätte das Ende bedeutet. Mit pochendem Herzen und knatternden Fehlzündungen erreichte er Bocholt – gerade noch so. Doch dann war Schluss. Die Maschine streikte endgültig. In seiner Not rief Willi einen alten Motorradkumpel an. Drei Stunden später – es war längst dunkel – traf der Retter ein, mit einer Ersatzbatterie im Gepäck. Gemeinsam bastelten sie eine Notlösung: Die neue Batterie wanderte in den Seitenkoffer, wurde per Kabel mit der defekten verbunden – und siehe da, die Goldwing lebte wieder. Die Heimfahrt war ein Abenteuer für sich, aber sie gelang. Zuhause angekommen, war Willi erschöpft, aber erleichtert. Später stellte sich heraus: Die Lichtmaschine war hinüber. Eine teure Reparatur – aber jede Mark wert. Denn diese Fahrt war mehr als nur ein Ausflug. Sie war ein Abschied. Mit Wehmut denkt Willi heute an seine Goldwing zurück. Kurz darauf fand sie einen neuen Besitzer. Doch die Erinnerung an diesen Tag – an die Kälte, die Panne, die Hilfsbereitschaft und den unerschütterlichen Willen – bleibt für immer.
Doch als er wieder aufsteigen wollte, passierte das Undenkbare:
Die Goldwing gab keinen Mucks mehr von sich. Die Batterie – leer.
Die verschwundene Zeit – Erinnerungen an Haindl in Walsum
Beim Stöbern durch alte Festplatten, irgendwo zwischen vergessenen Urlaubsbildern und längst archivierten Dokumenten, stieß ich auf einen Ordner mit Fotos, die mich schlagartig in eine andere Zeit katapultierten. Es waren Aufnahmen der Papierfabrik Haindl in Duisburg-Walsum – meinem alten Arbeitsplatz, meinem zweiten Zuhause für viele Jahre.
Ich heiße Willi. Und wenn ich die Augen schließe, sehe ich sie noch vor mir: die gewaltigen Hallen, in denen es nach Zellstoff, Dampf und Maschinenöl roch. Mein Platz war an der Streichmaschine 4 – ein Koloss aus Stahl, der das rohe Papier veredelte, ihm Glanz und Glätte verlieh. „Papier streichen“ – das klingt für Außenstehende vielleicht wie ein Scherz, als würde man mit Pinsel und Farbe über die Bögen fahren. Doch wer je neben dieser Maschine gestanden hat, weiß, dass es sich um ein hochkomplexes Zusammenspiel aus Technik, Präzision und Erfahrung handelte.
Ich war Nachroller. Eine Aufgabe, die Konzentration und Fingerspitzengefühl verlangte. Ich erinnere mich noch gut an das rhythmische Rattern der Walzen, das gleichmäßige Surren der Förderbänder, das leise Zischen des Dampfes. Es war ein eigener Kosmos, ein Ort, an dem man sich verstand, auch ohne viele Worte. Die Kollegen – echte Typen, jeder mit seiner Geschichte, seinem Humor, seiner Art. Wir waren ein eingespieltes Team, fast wie eine Familie. Acht Jahre habe ich dort gearbeitet. Acht Jahre voller Schichten, Pausen mit Thermoskannenkaffee, gemeinsamer Schweißarbeit und der stillen Zufriedenheit, am Ende des Tages etwas geschaffen zu haben. Doch dann kamen die Gerüchte. Von Umstrukturierungen war die Rede, von Rationalisierungen, von einem „neuen Kurs“. Und irgendwann begannen die Entlassungen. Einer nach dem anderen verschwand – mal mit einem Händedruck, mal still und leise. Auch ich musste irgendwann gehen. Aber das ist eine andere Geschichte. Heute, im Jahr 2025, ist von der Papierfabrik nichts mehr übrig. Kein Schornstein, keine Halle, kein Tor. Das Gelände, auf dem einst Maschinen dröhnten und Menschen schufteten, ist nun ein Containerterminal. Große Lagerhallen stehen dort, kühl, funktional, seelenlos. Der Wind pfeift über das Asphaltmeer, als wolle er die letzten Erinnerungen davontragen. Und die Kollegen von damals? Verschwunden wie die Fabrik selbst. Manchmal treffe ich einen von ihnen zufällig beim Einkaufen oder auf dem Markt. Dann ist da ein kurzes Aufleuchten in den Augen, ein fester Händedruck, ein „Weißt du noch…?“. Doch die meisten sind unauffindbar. Vielleicht irgendwo in Rente, vielleicht in einer anderen Stadt, vielleicht schon nicht mehr unter uns. Diese Fotos – sie sind mehr als nur Bilder. Sie sind Fenster in eine Zeit, die vergangen ist. Eine Zeit, die geprägt war von Arbeit, Gemeinschaft und einem Stolz, den man heute kaum noch findet. Und während ich sie betrachte, spüre ich sie wieder – die Wärme der Maschinenhalle, das Lachen in der Pause, das Gefühl, gebraucht zu werden. Vielleicht erzähle ich euch eines Tages mehr. Von der Streichmaschine. Von den Nächten im Schichtdienst. Von den kleinen und großen Geschichten, die sich zwischen Papierrollen und Pausenraum abgespielt haben. Aber heute… heute lasse ich einfach die Erinnerungen sprechen.
Mein Platz war an der Streichmaschine 4 – ein Koloss aus Stahl, der das rohe Papier veredelte, ihm Glanz und Glätte verlieh.